Ärzte Zeitung, 24.09.2010

Hintergrund

Gene, Infekte und Ernährung fördern Diabetes bei Kindern - die Prävention wird erforscht

Wie kommt es dazu, dass ein Kind Typ-1-Diabetes bekommt, und warum steigt die Inzidenz in Industrieländern immer mehr? Forscher liefern zunehmend Mosaiksteine zu einer Antwort. Ihr Ziel: Kinder vor Typ-1-Diabetes zuverlässig zu schützen.

Von Dieter Rödder

Gene, Infekte und Ernährung fördern Diabetes bei Kindern - die Prävention wird erforscht

Ist Insulin in Kuhmilch eine Ursache für Diabetes bei Kindern? Es spricht einiges dafür.

© pinoquio_9 / Fotolia.com

Die Inzidenz des Typ-1-Diabetes ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Professor Mikael Knip von der Universität von Helsinki in Finnland hat es beim Diabetologenkongress in Stockholm mit Daten aus seinem Land belegt. Dort ist die Inzidenz von 12 pro 100 000 Einwohnern im Jahr 1953 auf 62 pro 100 000 im Jahr 2008 gestiegen. Und: Das Alter bei der Diagnose ist dabei gesunken. Am stärksten zugenommen haben die Diagnoseraten bei unter Fünfjährigen.

Etwa 40 Gene sind inzwischen entdeckt worden, die zur Prädisposition für diese Erkrankung beitragen. HLA Gene am kurzen Arm des Chromosoms 6 tragen allein zur Hälfte der genetischen Disposition bei.

Nur jedes zehnte genetisch belastete Kind erkrankt auch

Doch nur bei einem Zehntel der genetisch vorbelasteten Kinder bricht die Krankheit aus. Es müssen also weitere Faktoren hinzukommen. Eine Fülle von Beobachtungen und Studien hat zu einer Hypothese geführt, dass dies Trigger und Booster sind. Der Trigger ist ein Umweltfaktor. Hier sprächen viele Beobachtungen für ein infektiöses Agens, berichtete Knip. Der Booster-Faktor könnte ein Antigen aus der Nahrung sein. Dazu kommen vermutlich noch Umweltfaktoren, die den Krankheitsprozess modifizieren.

Autoantikörper sind erste Vorzeichen der Krankheit

Was könnte der Trigger der Erkrankung sein? Betrachten die Wissenschaftler alle Befunde dazu aus epidemiologischen und anderen Studien zusammen, kommen am ehesten Enteroviren infrage, die weit verbreitet sind und viele Kinder schon bald nach der Geburt bis im Alter von sechs Monaten infizieren.

Was könnte das potenzielle Booster-Antigen sein. Hier folgen die Wissenschaftler mehreren Spuren. Einiges spricht dafür, dass es Kuhinsulin sein könnte, das in den meisten Produkten aus Kuhmilch nachzuweisen ist. In einer Studie waren die Spiegel der Antikörper auf Kuhinsulin bei Kindern mit Beta-Zell-Autoimmunität über die Jahre kontinuierlich gestiegen, während dies bei Kindern ohne Diabetes nicht der Fall war.

Aber auch die frühe Gabe von Wurzelgemüse an Kinder scheint ein Risikofaktor für das Auftreten diabetesassoziierter Autoantikörper zu sein, den ersten erkennbaren Zeichen, dass der Prozess der Entwicklung von Diabetes begonnen hat.

Der zeitliche Verlauf der Erkrankung spricht jedenfalls dafür, dass die Umweltfaktoren in früher Kindheit wirken.

Westlicher Lebensstil scheint Ausbruch zu begünstigen

Von der Entdeckung der ersten Antikörper bis zum Ausbruch der Krankheit vergehen im Schnitt zwei bis drei Jahre. Und die ersten Antikörper sind oft schon bei sehr jungen Kindern nachzuweisen. Mehrere Beobachtungen sprechen dafür, dass körperliche Veränderungen durch einen verwestlichten Lebensstil das Risiko für Typ-1-Diabetes erhöhen. Dazu gehören etwa ein beschleunigtes Wachstum und Vitamin-A-Mangel.

Erst kürzlich haben Wissenschaftler die Beobachtung gemacht, dass die Vielfalt der Mikroflora der Darmbakterien bei jungen Kindern verändert ist, die Autoantikörper haben. Da die Darmbakterien die Zusammensetzung der Aminosäuren und Fette im Blut beeinflussen, könnte es sein, dass Veränderungen in der Zusammensetzung durch einen veränderten Lebensstil zur erhöhten Rate von Typ-1-Diabetes beitragen, so der finnische Wissenschaftler. Und er kann auch einen gesellschaftlichhistorischen Befund präsentieren. In einer Studie ging die Zunahme der Inzidenz des Typ-1-Diabetes mit der Zeit parallel mit der Entwicklung des Bruttosozialproduktes.

Welche Präventionsmöglichkeiten ergäben sich, wenn weitere Forschungen die Hypothesen bestätigen? Vakzine gegen die triggernden Viren und Vermeiden der boosternden Faktoren, so die Antwort des Wissenschaftlers.

Typ-1-Diabetes bei Kindern

Vorkommen: Etwa 22 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland haben Diabetes, über 99 Prozent davon Typ-1-Diabetes. Auch in Deutschland steigt die Inzidenz, und zwar um rund 3,5 Prozent pro Jahr, derzeit sind es 17 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner jährlich.

Risikofaktoren: Die Ursachenforschung ist noch lückenhaft. Es gibt Hinweise, dass Stillen über fünf Monate das Risiko reduziert und das Zufüttern von Kuhmilch das Risiko erhöht.

Forschung: In der BABYDIAB-Studie werden Säuglinge von Eltern mit Typ-1-Diabetes betreut. Kinder, die schon in den ersten vier Lebensmonaten Beikost erhielten, hatten ein vierfaches Risiko für die Entwicklung von Autoantikörpern gegen PankreasInselzellen und Typ-1-Diabetes. Die Beikost enthielt oft Getreide, also Gluten. In der Studie werden 150 Säuglinge mit hohem Diabetesrisiko (Risikogene plus ein erstgradiger Angehöriger mit Typ-1-Diabetes) sechs oder zwölf Monate lang glutenfrei ernährt. (eis)

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