Ärzte Zeitung, 14.11.2011

Kommentar des Experten

Gesunde Kost und Bewegung für zuckerkranke Kinder besonders wichtig

Kinder mit Diabetes müssen regelmäßig geschult und psychosozial betreut werden. Zu achten ist vor allem auf eine gute Stoffwechseleinstellung.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

© sbra

Arbeits­schwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden. Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

In Deutschland haben 10.000 bis 15.000 Kinder im Alter bis 14 Jahre Diabetes, im Alter bis 19 Jahre sind es 21.000 bis 24.000. Weltweit steigt die Neuerkrankungsrate besonders bei kleinen Kindern seit Jahrzehnten an (bis zu 5 Prozent jährlich!).

In Deutschland leiden eins von 1000 Kindern an Typ-1-Diabetes und zwei bis drei von 100.000 Kindern und Jugendlichen an Typ-2-Diabetes. Damit ist der Anteil von Typ-2-Diabetes in diesem Alter bei uns deutlich niedriger als in Nordamerika. Dort haben in bestimmten Bevölkerungsgruppen bis zu 40 Prozent der zuckerkranken Kinder Typ-2-Diabetes.

Mütter sollten Kinder stillen, wenn erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes besteht

Bei erhöhtem Risiko für Typ-1-Diabetes in einer Familie ist es besonders wichtig, dass Mütter ihre Kinder stillen und nicht zu früh glutenreiche Kost zuführen. Erkrankt ein Kind an Typ-1-Diabetes, muss es sofort stationär in einer spezialisierten Klinik behandelt werden.

Hier wird es initial zu allen Facetten der Insulinbehandlung, Blutzuckerselbstkontrolle sowie Ernährung und Bewegung geschult. Eine eher kohlenhydratreiche Ernährung soll von vornherein mit der Berechnung von Kohlenhydrat- oder Broteinheiten gelehrt werden; keinesfalls sollte dabei gelten: "Wenn Du schon Insulin spritzt, dann iss soviel Du willst und spritze entsprechend vorher eine größere Menge Insulin".

Dies führt zwangsläufig zu Übergewicht und Adipositas. Hypoglykämien sollen möglichst vermieden werden, ohne dass man deswegen die Zügel bei der Therapie schleifen lässt.

Unterzuckerungen sind bei Kindern in der Regel nicht so gefährlich wie bei Erwachsenen. Langfristig viel gefährlicher für Betroffene sind schlechte Stoffwechseleinstellung und Folgeschäden.

Fortlaufende Schulunegn und psychosoziale Begleitung nötig

Abhängig vom Alter und Schweregrad des Diabetes sind fortlaufende Schulungen und eine psychosoziale Begleitung nötig. Gestörtes Essverhalten sowie Ängste und Depressionen erfordern unter Umständen eine psychiatrische oder psychotherapeutische Therapie.

Zu empfehlen ist eine intensivierte Insulintherapie mit meist vier oder mehr Injektionen pro Tag. Besonders bewährt haben sich kurz wirksame Insulinanaloga kombiniert mit einem lang wirkenden Analogon. Für die Insulinpumpentherapie werden in der Regel kurz wirksame Analoga verwendet.

Schwierig kann der Übergang in die Erwachsenendiabetologie sein, da die Patienten an ihren Pädiater gewöhnt sind. Es ist zu empfehlen, eine entwicklungspsychologische Stabilität abzuwarten.

Kurz wirksame Analoga können auh nach dem Essen gespritzt werden

Die Insulindosis hängt von der Dauer der Erkrankung, vom Alter und der Entwicklungsphase ab. Die Zeit bis zur Remission währt Tage, Wochen oder Monate. Die übliche Dosis von bis zu 2 E Insulin pro kg Körpergewicht kann dabei bis auf ein Viertel abgesenkt werden.

Gespritzt wird Insulin in der Regel in die Bauch- oder Oberschenkelregion. Am raschesten resorbiert der Körper Insulin bei abdomineller Injektion. Die Injektionsorte müssen regelmäßig gewechselt werden, um an den Stellen Lipodystrophie und Verhärtungen zu vermeiden (regelmäßige Kontrolle!).

Kurz wirksame Analoga können gemäß der Kohlenhydrat-Zufuhr auch nach dem Essen gespritzt werden. Besonders bei kleinen Kindern ist das von Vorteil, da vor einer Mahlzeit oft nicht abzuschätzen ist, wieviel es essen wird.

Hinrödem gefürchtet

Zur Therapie bei möglicher Ketoazidose gibt es Schemata. Wichtig ist vor allem, dass der Kreislauf stabilisiert wird und anfangs nur kleine Dosen Insulin gespritzt werden.

Ein Problem dabei kann Kaliummangel sein, zumal dieser anfangs noch kaschiert ist und sich erst bei Insulingabe als Hypokaliämie bemerkbar macht.

Gefürchtet ist die Entstehung eines Hirnödems. Hier müssen dann ausnahmsweise die Flüssigkeit reduziert und diuretisch wirksame Substanzen eingesetzt werden.

Cave: Die Behandlung verschiebt sich wegen zeitaufwendiger Diagnostik bei Verdacht auf ein Hirnödem!

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Bruch mit dem deutschen Verordnungssystem?

Eine Gesetzesänderung ermöglicht Ärzten seit kurzem, Cannabis zulasten der Kassen zu verschreiben. Der Patient bezieht Cannabis aus der Apotheke. Das neue Rechtskonstrukt sehen viele aber als "Systembruch". mehr »