Ärzte Zeitung, 13.02.2012

Kommentar des Experten

Op-Risiken bei Diabetikern heute beherrschbar

Werden Diabetiker operiert, ist der Blutzucker während des Eingriffs stabil zu halten. Orale Antidiabetika sind dabei meistens kontraindiziert.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Operationsrisiken bei Diabetes sind heute in der Regel beherrschbar

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Menschen mit Diabetes haben bei Operationen ein erhöhtes Risiko für Komplikationen. Das liegt allerdings weniger am Diabetes selbst, sondern mehr an den Folgekrankheiten. So sind bei Patienten zum Beispiel Organe häufig schlecht durchblutet, es gibt Nieren- oder Augenschäden und womöglich hat der Patient eine ungenügend behandelte Hypertonie.

Auch das Infektionsrisiko kann, bedingt durch die Folgeschäden, erhöht sein. In der Regel ist das Operationsrisiko bei Diabetikern aber beherrschbar, und - anders als noch vor einigen Jahren - kann jeder wichtige Eingriff auch vorgenommen werden.

Vor, während und nach einer Operation ist natürlich bei einem zuckerkranken Patienten eine gute Blutzuckereinstellung anzustreben. Dies kann durch den sogenannten Postaggressionsstoffwechsel erschwert sein. Auch als Folge der Anästhesie sind stärkere Blutzuckerschwankungen möglich. In der Regel lassen sich diese aber gut in den Griff bekommen.

Vor einer geplanten Operation ist der Stoffwechsel möglichst zu stabilisieren. Für den Eingriff werden Blutzuckerwerte zwischen 80 und 145 mg/dl vorgeschlagen. Ein erhöhter Blutzucker war in retrospektiven Studien mit einer gesteigerten perioperativen Morbidität und Mortalität verbunden.

Insulinbehandlung Vorzug geben

In der Regel sollte - vor allem bei größeren Eingriffen - einer Insulinbehandlung der Vorzug gegeben werden. Metformin ist bei Operationen zum Beispiel immer kontraindiziert und vorher abzusetzen. Auch muss eine metabolische Azidose ausgeschlossen werden.

Am Operationstag selbst dürfen orale Antidiabetika nicht mehr gegeben werden. Patienten sollten morgens 25 Prozent ihrer Insulintages dosis als Basal-Insulin gespritzt bekommen und - kontrolliert durch fortlaufende Blutzuckerkontrollen - in dem gewünschten Bereich gehalten werden. Insulinpumpen sind eher problematisch und durch Insulininfusionen oder Einzelspritzen abzulösen.

Patienten mit Diabetes sollten möglichst zu Wochenanfang und am frühen Morgen operiert werden. So lässt sich auch bei Mangel an Personal und besonders an Diabetologen in der Klinik eine optimale Versorgung sicherstellen. Personal mangel ist erfahrungsgemäß am Wochenende am größten.

Das Risiko von Stoffwechselentgleisungen nimmt mit der Länge des Eingriffs zu. Intraoperativ soll Glukose infundiert werden (etwa 5 g pro Stunde). Bei schweren Eingriffen ist eine Kombination von intravenöser Gabe von Glukose und Insulin zu bevorzugen.

Normale Behandlung des Patienten so früh wie möglich wiederaufnehmen

Bei längeren Eingriffen wird Insulin im Perfusor als Normalinsulin mit etwa 1 E/ml gegeben und je nach Blutzuckerwerten variiert. Glukose gibt man jetzt in höheren Konzentrationen; die stündliche Blutzuckerkontrolle ist erforderlich. Immer wieder werden die Schwankungen des Kaliums vergessen, die in solchen Situationen häufig auftreten und Kontrollen alle vier Stunden erfordern.

Beim postoperativen Management sollte versucht werden, die normale Behandlung des Patienten so früh wie möglich wieder aufzunehmen. Wichtig ist vor allem auch ein früher Übergang zur oralen Nahrungsaufnahme. Natürlich gibt es auch Patienten, die eine parenterale Ernährung längerfristig benötigen.

Die Patienten müssen interdisziplinär betreut werden. So sollte bei der Therapie außer einem Diabetologen unter Umständen auch ein Kardiologe und/oder ein Nephrologe und womöglich auch ein Intensivmediziner hinzugezogen werden.

Besondere Aufmerksamkeit brauchen Patienten, die infolge eines Eingriffs diabetisch werden, etwa wegen einer durch Krebs erforderlichen Pankreatektomie. Während und nach der Operation sind häufige Blutzucker-Kontrollen wichtig. Vorsicht ist geboten, wenn erstmals Insulin und Glukose verabreicht werden.

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