Ärzte Zeitung App, 02.01.2014

Blutzucker

Dauermessung optimiert die Therapie

Kontinuierliche Glukosemessung optimiert die Diabetestherapie. Die Koppelung der kontinuierlichen Glukosemonitoring-Systeme an Insulinpumpen soll die Funktion des endokrinen Pankreas imitieren.

Von Michael Hummel

Die bisherige stichprobenartige Blutzuckerbestimmung ermöglicht lediglich einen ungenauen und punktuellen Status der Stoffwechselsituation bei Menschen mit Diabetes zu erheben.

Um ohne ständige Blutentnahmen einen Gesamtüberblick auf die Blutglukoseverläufe zu erhalten, wurde seit etwa 40 Jahren nach neuen Messverfahren gesucht. Im Jahre 2000 war erstmalig ein praxistaugliches System zur kontinuierlichen Glukosemessung in Deutschland kommerziell verfügbar.

Messgeräte sehr zuverlässig

Die kontinuierlichen Glukosemonitoring-Systeme (CGMS) haben inzwischen einen hohen Grad an Zuverlässigkeit, Tragekomfort und Bedienungsfreundlichkeit erreicht. Die derzeit eingesetzten, kommerziell verfügbaren Systeme messen die Glukosekonzentration in der subkutanen interstitiellen Flüssigkeit (ISF), also keinen Blutzucker-Wert.

Eine regelmäßige Kalibrierung der Systeme mit selbstgemessenen Blutzucker-Werten ist notwendig. Der gemessene Glukosewert "hängt" zeitlich dem Blutzucker-Wert um 20 Minuten nach, da es so lange dauert, bis der Wert in der subkutanen interstitiellen Flüssigkeit dem Blutzucker-Wert gleicht.

Nutzen für Diagnose und Therapie

Das CGM-System bietet die Möglichkeit, aktuelle Glukosewerte, aktuelle Glukose-Trendinformationen sowie eine Grafik im Display mit dem Glukoseverlauf der letzten drei beziehungsweise 24 Stunden anzuzeigen. So kann bei abfallenden Glukosewerten rechtzeitig mit einer Nahrungs-BE gegengesteuert werden, also akut auf die Glukoseschwankungen reagiert werden.

Bei sehr raschem Blutzuckerabfall kann die zeitliche Verzögerung der Glukosewerte in der subkutanen interstitiellen Flüssigkeit allerdings zu groß sein, um eine Hypoglykämie rechtzeitig zu erkennen.

Werden die aktuell gelieferten Glukoseinformationen sinnvoll genutzt, kann die Blutzuckervariabilität deutlich reduziert und eine Stabilisierung der Blutzucker-Profile erreicht werden (therapeutischer CGM-Einsatz).

Auch prinzipielle Therapiemodifikationen sind durch Visualisierung der kontinuierlichen Glukoseverläufe möglich, wie etwa gesicherte Aussagen zu postprandialen Verläufen (Spritz-Ess-Abstand), Frequenz und Ausprägung von Hypoglykämien, Auswirkungen von sportlichen Aktivitäten etc. So kann zum Beispiel auch die nächtliche Basalrate bei Insulinpumpentherapie optimiert werden (diagnostischer CGMS-Einsatz).

HBA1c-Werte verbessert

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In Studien konnte der Nutzen dieser Technologie zur Optimierung der Diabetestherapie belegt werden: So weist eine randomisierte, multizentrische Studie den positiven Effekt der sensorunterstützten, intensivierten Insulintherapie bezüglich der HbA1c-Senkung nach. Es besteht eine Korrelation zwischen der Dauer der Anwendung des Glukosesensors und der erzielten HbA1c-Absenkung.

Wird der Sensor von Patienten mit Insulinpumpentherapie mindestens 70 Prozent der Zeit benützt, ist eine signifikante Verbesserung der HbA1c-Werte zu erwarten. Für ausgewählte Patienten mit Typ-1-Diabetes stellt das kontinuierliche Glukosemonitoring-System eine sinnvolle Therapiehilfe dar. Allerdings sind insbesondere die Sensoren immer noch sehr teuer, und die Krankenkasse übernimmt nur in Ausnahmefällen die Kosten.

Durch die Koppelung der kontinuierlichen Glukosemonitoring-Systeme an Insulinpumpen zur kontinuierlichen subkutanen Insulintherapie ist nun die Basis für ein "Closed-loop-System" entstanden, das als "künstliche B-Zelle" die Funktion des endokrinen Pankreas imitieren soll.

Das fehlende Verbindungsglied sind die mathematischen Algorithmen, die den gemessenen Glukosewerten die individuell notwendige Insulinabgabemenge zuweisen.

Die neusten Pumpen/Sensor-Systeme unterbrechen die Insulinzufuhr, wenn der Sensor Glukosewerte unter einer individuell definierten unteren Grenze misst. Diese Systeme werden vor allem bei (Klein-)Kindern mit Typ-1-Diabetes in der Nacht zur Vermeidung von Hypoglykämie eingesetzt und stellen einen ersten konkreten Schritt zum Zukunftsprojekt "closed loop" dar.

Der Originalbeitrag von Priv.-Doz. Dr. Michael Hummel (Diabetologische Schwerpunktpraxis Rosenheim & Forschergruppe Diabetes am Helmholtz Zentrum München) ist publiziert in: MMW - Fortschritte der Medizin 2012; 154 (20): 65-68

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