Ärzte Zeitung, 04.11.2014

Mehnert-Kolumne

Bei zuckerkranken Kindern auf Atherosklerose achten!

Schon in jungen Jahren können gefährliche atherosklerotische Veränderungen an den Gefäßen auftreten. Das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

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© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Die Stoffwechselstörung kann in Kombination mit Hypertonie und Dyslipoproteinämie zu Komplikationen führen. Die WHO stuft daher Typ-1-Diabetes in dieser Altersgruppe in die gleiche Risikogruppe wie familiäre homozygote Hypercholesterinämie ein.

Zwar sind die meisten Typ-1Diabetiker in jungen Jahren normal- oder untergewichtig. Der Anteil von Patienten mit Übergewicht oder Adipositas steigt jedoch: Im Verlauf des Typ-1-Diabetes werden bis zu 50 Prozent der Betroffenen übergewichtig.

Falsche Ernährung wie ein Anessen gegen Hypoglykämien kann dazu beitragen. Immer wieder wird hier noch falsch beraten ("Da Sie Insulin vor den Mahlzeiten spritzen, können Sie so viel essen, wie Sie wollen …").

Kennzeichen einer Gefäßveränderung bei Typ-1-Diabetes sind eine endotheliale Dysfunktion und eine Verdickung der Intima media an den Carotiden. Die Diagnose ist wichtig, weil sich die Veränderungen durch gesunden Lebensstil und Therapie in jungen Jahren erfreulicherweise zurückbilden können.

Natürlich dominiert bei der Behandlung eine optimierte Diabeteseinstellung, die in zunehmendem Maße bei solchen Patienten mit einer Insulinpumpe und einer angemessenen Ernährung erzielt werden kann. So ließ sich bei jungen Patienten schon nach zwei Jahren die Rückbildung einer verdickten Intima media nachweisen.

Wichtig ist ein normaler Blutdruck

Bei zuckerkranken Kindern mit Hypercholesterinämie und Übergewicht muss vor allem auch auf den Blutdruck geachtet werden (metabolisches Syndrom!). Die Atherosklerose wird offenbar durch erhöhten systolischen Druck signifikant beeinflusst.

Dyslipoproteinämie gilt als zweithäufigster Risikofaktor bei Typ-1-Diabetikern (nach dem Diabetes als solchem). Die Fettstoffwechselstörung trifft immerhin jeden vierten Zuckerkranken im Alter von 1 bis 26 Jahren.

In einer Studie mit 30.000 Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes hatten von denjenigen mit vier bis fünf Atherosklerose-Risikofaktoren etwa 75 Prozent eine Dyslipoproteinämie mit erhöhtem Gesamtcholesterin und LDL. Patienten mit hohen HbA1c-Werten hatten häufig zusätzlich auch hohe Triglyzeride und niedrige HDL-Spiegel.

Mit einer Verbesserung der Diabeteseinstellung und sinkenden HbA1c-Werten schwächen sich diese Veränderungen ab.

Oft sind Cholesterinsenker indiziert

Basismaßnahme gegen Diabetes und Dyslipoproteinämie ist ein gesunder Lebensstil mit ballaststoffreicher und fettarmer Kost und körperlicher Aktivität, meist mit dem Ziel einer Gewichtsabnahme. Wenn solche Maßnahmen nach drei bis sechs Monaten nicht zum Ziel führen, wird ein Cholesterinsenker empfohlen (in der Regel ein Statin!).

Man sollte überlegen, ob man damit womöglich nicht sogar etwas früher beginnt, da ja die Statine in der Regel gut verträglich und andererseits von hohem Nutzen sind. Der vielfach beschriebene nachteilige Effekt der Statine auf den Kohlenhydratstoffwechsel ist meist gering und ohne Bedeutung.

Auch der Risikofaktor Rauchen ist bei Jugendlichen nicht zu unterschätzen, wobei erfreulicherweise immer weniger Heranwachsende rauchen.

Fazit: Atherosklerose ist bei Kindern und Jugendlichen ohne Diabetes selten ein Problem. Bei jungen Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes gibt es aber durchaus gefährliche Gefäßveränderungen.

Mit einem nicht zu späten Einsatz blutfettsenkender und blutdrucksenkender Maßnahmen und einer Abnahme des Körpergewichts kann eine Remission erreicht werden, bis hin zu messbaren Verbesserungen der Intima-media-Dicke.

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