Diabetes

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Ärzte Zeitung, 01.12.2014

Typ-1-Diabetes bei Kindern

Erkrankung kündigt sich im Blut an

Diabetes wird bei Kindern oft erst spät erkannt - das kann lebensbedrohlich sein. Neue Daten zeigen, dass die Krankheit schon lange vor Ausbruch nachweisbar ist. Jetzt geht ein Screening an den Start.

Von Prof. Hellmut Mehnert

MÜNCHEN. Bundesweit leben etwa 30.000 Kinder und Jugendliche mit einem Typ-1-Diabetes und jedes Jahr kommen über 2000 Neuerkrankungen dazu.

Dabei erleiden jährlich bis zu 900 Kinder eine potenziell lebensbedrohliche Ketoazidose bei bisher unbekanntem Diabetes.

Die schweren Stoffwechselentgleisungen könnten bei einer frühen Diagnose noch im symptomfreien Stadium und sofortiger Therapie bei der Diabetes-Manifestation verhindert werden.

In aktuellen Studien wurde belegt: Für die Diagnostik eignen sich Autoantikörper gegen mehrere Beta-Zell-Antigene, die Monate bis Jahre vor der Diabetes-Manifestation nachweisbar sind.

Prof. Hellmut Mehnert

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© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Treten diese Antikörper auf, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Diabetes manifestiert.

In der Fr1da-Studie (Früherkennung des Typ-1-Diabetes) in Bayern soll jetzt der Nutzen eines Screening-Programms mit Tests auf die Autoantikörper untersucht werden.

Die Studie soll in Kürze unter Federführung von Professor Anette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung (IDF) als Teil des Helmholtz Center (HDC) München-Neuherberg beginnen.

Gefördert wird die Untersuchung vom Freistaat Bayern und - mit einer Million US-Dollar - von der "Juvenile Diabetes Research Foundation" (JDRF) aus den USA. Der Verband der Kinderärzte unterstützt das Screening-Vorhaben.

Positivrate bei 0,3 Prozent erwartet

Ziel ist es, bayernweit binnen eines Jahres 100.000 Kinder zu testen. Die Zwei- bis Fünfjährigen bekommen bei einer Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt etwas Blut aus der Fingerbeere entnommen, das dann am Helmholtz-Zentrum in München auf die Diabetes-assoziierten Auto-Antikörper untersucht wird.

Fällt der Test negativ aus - das ist aufgrund epidemiologischer Daten bei 99,7 Prozent der Kinder zu erwarten - ist das Risiko für einen Typ-1-Diabetes in den nächsten Jahren sehr gering.

Bei 0,3 Prozent der getesteten Kinder wird ein positives Ergebnis erwartet. Eltern hätten dann Zeit, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen.

Die Familie wird dabei an ein wohnortnahes Fr1da-Zentrum überwiesen. Das sind Kliniken und Praxen, die sich auf die Behandlung von Kindern mit Diabetes spezialisiert haben.

Diabetesstadium wird ermittelt

In den Zentren wird anhand von HbA1c und Zuckerbelastungstest ermittelt, ob ein noch asymptomatisches Stadium, eine Glucosetoleranz-Störung oder schon ein behandlungsbedürftiger Typ-1-Diabetes besteht.

Mit der Familie werden Frühsymptome besprochen, und es wird ein Plan erstellt, inwieweit das Kind in Zukunft medizinisch überwacht werden soll. Eltern können dazu Urin- oder besser Blutzuckermessungen selbst vornehmen. Auch werden Sorgen in Bezug auf die Frühdiagnose Diabetes angesprochen.

Familien bekommen zudem das Fr1da-Buch, in dem alle Informationen zum Frühstadium des Typ-1-Diabetes zusammengefasst sind. Dort wird auch das Thema "Diabetes" einfühlsam und anschaulich den betroffenen Kleinkindern erklärt.

Ärzte sollten an Eltern appellieren, sich an dem deutschlandweit einmaligen Screening-Projekt zu beteiligen. Die Tests sind kostenlos und helfen dabei, den Typ-1-Diabetes in einem frühen Stadium zu erkennen und zu behandeln.

Lebensbedrohliche Hyperglykämien und Ketoazidosen lassen sich verhindern. Familien können Ängste und Unsicherheiten ansprechen und umfangreich dazu geschult werden, wie ihr Kind ein normales Leben mit Diabetes führen kann. Auch können Betroffene an innovativen Präventionsstudien teilnehmen (etwa an einer "Impfung").

Bewährt sich das Screening in der Fr1da-Studie, dann ließe sich das Programm auf ganz Deutschland ausweiten. Es könnte dabei in das reguläre Vorsorgeprogramm für alle Kinder aufgenommen werden.

[02.12.2014, 09:00:22]
Beatrix Kaps 
Früherkennung von Diabetes mellitus I hat nicht nur Pros
Ich schreibe als Ärztin, Mutter eines Kindes mit Diabeteserkrankung und Leiterin einer Selbsthilfegruppe von Familien mit Diabetes-Kindern, also in erster Linie als Betroffene. Bei den Pros zu dem Früherkennungs-Screening möchte ich aus dieser Sicht doch einiges zu bedenken geben:
- Diabetes kommt nicht von heute auf morgen, sondern kündigt sich mit Symptomen an, die auch von Laien gut erkannt werden können. Eine whs. kostengünstiger Aufklärungskampagne könnte evtl. genauso Ketoacidose-prophylaktisch wirken.
- Wie Sie auch in Ihrem Artikel schreiben: Vom Auftreten der Antikörper bis zur tatsächlichen Manifestation des Diabetes können Monate bis Jahre vergehen. Eine Zeit, in der das Kind noch nach außen gesund ist, aber die Familie schon das Damoklesschwert Diabetes über sich hat, ohne - zumindest nach derzeitigem Forschungsstand - etwas dagegen unternehmen zu können. In meinen Augen eine schreckliche Zeit, oder ganz drastisch ausgedrückt: Hätte man bei unserem Kind schon z.B. 2 Jahre vor Ausbruch des Diabetes festgestellt, das mit dem Diabetes kommt irgendwann, ich würde im Nachhinein jeden verfluchen, der uns diese 2 noch unbeschwerten Jahre gestohlen hätte. Ich hoffe bloß, dass jeder Familie von den 0,3 % der positiv diagnostizierten Kinder innerhalb von Fr1da eine wirklich gute psychologische Begleitung bereitgestellt wird.
- Ein Therapiebeginn in einem völlig symptomfreien Zustand des Kindes hat nicht nur Vorteile. Man wird sicher bei jedem Kind, bei dem vor Ausbruch der Symptome Hinweise auf Diabetes da sind, diesen Hinweisen nachgehen und auch nicht mit einer notwendigen Therapie zuwarten bis Symptome da sind, das wäre ehtisch nicht vertretbar. Aber in unserer Gruppe gibt es zwei Kinder, bei denen es so lief und bei beiden Kinder war bzw. ist es immer noch sehr schwierig eine Compliance in der Insulintherapie zu erreichen. Trotz Intervention von erfahrenen Psychologen existiert in der Vorstellung der Kinder immer noch der Kausalzusammenhang die Spritzerei und Pickserei hat mich krank gemacht, weil eigentlich erst ab der ersten Insulinspritze ein Krankheitsgefühl bei ihnen eingesetzt hat.

Sollten Eltern für ein Früherkennungs-Screening für ihr Kind gewonnen werden, sollten sie meiner Meinung nach auch fairerweise solche Bedenken zu hören bekommen, um sich wirklich entscheiden zu können.

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