Ärzte Zeitung, 26.03.2015

Mehnert-Kolumne

So lassen sich Hypoglykämien vermeiden

Bei normnahe mit Insulin eingestellten Diabetikern ist nach Studiendaten etwa alle zwei Jahre mit einer schweren Hypoglykämie zu rechnen. Wie man sie erkennt oder am besten schon im Vorfeld vermeidet, erläutert Diabetes-Experte Hellmut Mehnert.

Von Prof. Hellmut Mehnert

NEU-ISENBURG. Bei normnahe mit Insulin eingestellten Diabetikern ist nach Studiendaten etwa alle zwei Jahre mit einer schweren Hypoglykämie zu rechnen.

Prof. Hellmut Mehnert

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© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Solche schweren Unterzuckerungen sieht man auch bei Behandlung mit Sulfonylharnstoffen (SuH), vor allem unter Glibenclamid. SuH-Unterzuckerungen fordern nach Angaben von Gallwitz und Nauck jedes Jahr 40 bis 80 Todesopfer in Deutschland.

Ein hohes Risiko für schwere Folgen von Hypoglykämien hat eine italienische Studie ergeben: Von den Patienten, die wegen SuH-Hypoglykämie stationär aufgenommen worden waren, starb fast jeder Zehnte an den Komplikationen.

Besonders bei alten Menschen erhöhen Unterzuckerungen zudem die Sturzgefahr und das Demenzrisiko. Gefürchtet sind auch die Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen, an denen viele Langzeitdiabetiker leiden.

Wie lässt sich eine Hypoglykämie erkennen? Die American Diabetes Association nennt einen Blutzucker-Grenzwert von 70 mg / dl. Erste Symptome treten meist erst bei Werten unter 50 mg / dl auf: Zittrigkeit, Heißhunger, Herzklopfen und Schwitzen.

Aber auch wenn hohe Blutzuckerwerte (etwa 300 mg / dl) sehr schnell abfallen, kann es zu Hypoglykämien kommen. Ein Beleg für die Unterzuckerung ist auch, dass die Symptome nach Kohlenhydrat-Zufuhr sistieren.

Herzinfarkte werden begünstigt

Bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern mit kardiovaskulären Schäden können schwere Unterzuckerungen offenbar auch Herzinfarkte begünstigen.

In der VADT-Studie kam es bei solchen Patienten im Vergleich zu Patienten ohne diese Anamnese viermal häufiger zu Infarkten.

Die ACCORD-Studie wurde sogar abgebrochen, weil kardiovaskuläre Ereignisse vermehrt in der sehr streng eingestellten Prüfgruppe auftraten.

Stellt man die Höhe des kardiovaskulären Risikos in Abhängigkeit von den Blutzuckerwerten grafisch dar, erhält man eine U-Kurve: Sowohl sehr niedrige als auch sehr hohe Zuckerwerte können kardiovaskuläre Schäden verursachen und treten als Schenkel des U auf.

Gefürchtet ist die Trias Hypoglykämie, autonome Neuropathie und Alkoholabusus. Denn Alkohol kann Unterzuckerungen verstärken. Vermeidungsstrategien gegen Hypoglykämien dürfen nicht auf Kosten einer guten Diabetes-Einstellung gehen.

Im Alter und besonders auch bei Folgeschäden gelten allerdings weniger scharfe HbA1c-Ziele.

Analoga senken das Risiko

Bedeutsam für die Therapie sind Antidiabetika, die praktisch nie zu Unterzuckerungen führen. Dazu gehören außer Metformin die Gliptine (DPP4-Hemmer), GLP1-Rezeptor-Agonisten, Gliflozine (SGLT2-Rezeptoren-Hemmer) und Acarbose.

Bei Insulintherapie lässt sich die Hypoglykämierate durch Verwendung kurz- und langwirksamer Analoga deutlich senken.

Für Patienten mit Hypoglykämien ist natürlich die Zufuhr von Kohlenhydraten vorrangig.

Eine SuH-Hypoglykämie ist in der Regel gefährlicher als eine Insulin-induzierte Unterzuckerung: Wegen der im Vergleich zu Insulin deutlich längeren Halbwertszeit von SuH ist bei schweren Fällen eine intravenöse Glukose-Zufuhr über mindestens zwei Tage nötig.

Bei bewusstlosen Kindern und Jugendlichen mit Hypoglykämien hat sich die sofortige Gabe von einem Milligramm Glukagon (subkutan oder intramuskulär) bewährt. Die Eltern der Betroffenen können im Notfall die Injektion vornehmen.

90 Prozent der Betroffenen wachen durch die Maßnahme wieder auf. Anschließend müssen sofort reichlich rasch resorbierbare Kohlenhydrate eingenommen werden.

Der hepatische Glukoneogenese-fördernde Effekt von Glukagon könnte nämlich ohne weitere Zufuhr von Zucker, den die Leber nicht mehr zur Verfügung stellen kann, bei den Betroffenen zu einer erneuten Hypoglykämie führen.

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