Ärzte Zeitung, 23.02.2016

Diabetesbehandlung ohne Rezept

Vom Fasten können Menschen mit Diabetes besonders profitieren

Von Prof. Stephan Martin

Professor Stephan Martin

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© privat

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ).

NEU-ISENBURG. Immer mehr Menschen nutzen die 40 Tage vor dem Osterfest, um zu fasten. Vielen geht es dabei primär darum, dem Körper etwas Gutes zu tun. Doch spielt das Gewicht wirklich so eine wichtige Rolle?

 In der Diabetologie wird oft die falsche Auffassung vertreten, dass man - wenn man mit einer Insulintherapie beginnt - eine Gewichtszunahme ruhig akzeptieren kann. Hauptsache die Blutzuckerwerte sinken ab. Nach neuen Studiendaten muss aber dem Gewicht nicht nur bei Typ-2-Diabetes eine deutlich stärkere Beachtung geschenkt werden.

Keine Angst vor Formuladiäten!

Der Therapieansatz mit "Very Low Calorie Diet (VLCD)" wird in Deutschland nicht gerne gesehen, trotz interessanter Forschungsergebnisse hierzu. Ein britisches Team um Roy Taylor hat belegt, dass sich durch eine solche VLCD sowohl der Stoffwechsel bei Diabetes als auch die Betazellenfunktion normalisieren ließ (Diabetologia. 2011; 54: 2506).

Die Probanden erhielten über acht Wochen eine handelsübliche Formuladiät mit täglich 600-700 kcal und durften zusätzlich nur 240 g nicht-stärkehaltiges Gemüse essen. Das Ergebnis wurde in einer größeren Gruppe bestätigt (Diabet Med. 2015; 32: 1149). Probanden mit unterschiedlicher Dauer von Typ-2-Diabetes nahmen teil: 15 waren weniger als vier Jahre erkrankt und 14 mehr als acht Jahre.

In beiden Gruppen kam es zu einer ähnlich starken Gewichtsabnahme von etwa 14 kg. Insgesamt erreichten 87 Prozent in der Gruppe mit kurzer Diabetesdauer und 50 Prozent in der Gruppe mit langer Diabetesdauer nichtdiabetische Nüchternblutzuckerwerte nach acht Wochen. Klinisch signifikante Verbesserungen in Blutdruck und Blutlipiden wurden unabhängig von der Diabetesdauer in beiden Gruppen gesehen.

Chirurgie kann auch nicht hexen!

Für viele ist eine Lösung des Gewichtsproblems die bariatrische Chirurgie. Hier wird angenommen, dass die günstigen Effekte auf den Glukosestoffwechsel nicht durch die Gewichtsabnahme, sondern durch die Operationstechniken begünstigt werden. So scheinen Magenbypass-Operationen anderen Techniken wie Banding oder Sleeve-Magen überlegen zu sein.

Aktuelle Analysen der SOS-Studie zeigen aber, dass es nicht die heilenden Hände der Chirurgen sind, sondern dass primär die Gewichtsabnahme mit den Langzeiteffekten auf den Glukosestoffwechsel korreliert ( Diabetologia. 2015; 58:1448 und Diabetes Care. 2015 online 17. Dezember).

Zwischen den unterschiedlichen BMI-Gruppen, die das gleiche Ausmaß einer Gewichtsreduktion erreichten, gab es insgesamt keine Unterschiede in der Diabetes Inzidenz- und den Remissionsraten. Auch sanken -bei gleicher Gewichtsabnahme - Plasmaglukose, Insulin und HOMA-IR unabhängig von der chirurgischen Intervention vergleichbar ab.

Kreuzfahrten meiden!

"All you can eat"-Angebote etwa auf Kreuzfahrtschiffen mit 24-stündigem Nahrungsangebot sind gesundheitlich bedenklich, wie eine aktuelle Studie zeigt (Sci Transl Med. 2015; 7: 304re7). Gesunde Männer wurden dabei eine Woche lang mit einer hochkalorischen Ernährung von etwa 6000 kcal pro Tag ernährt. Diese bestand aus 50 Prozent Kohlenhydraten, 35 Prozent Fett und 15 Prozent Proteinen.

Die Folge war eine Gewichtszunahme von 3,5 kg. Nach zwei bis drei Tagen konnte eine deutliche Zunahme der systemischen, aber auch der fettgewebespezifischen Insulinresistenz nachgewiesen werden.

 Im Fettgewebe resultierte der oxidative Stress durch eine ausgeprägte Oxidation und Carbonylierung von verschiedenen Proteinen, unter anderem. von GLUT4, was vermutlich zu einem Verlust der Wirksamkeit dieses Rezeptors führt. Diese Ergebnisse an gesunden Probanden weisen darauf hin, dass schon wenige Tage einer "all you can eat" Ernährung sich negativ auf den Metabolismus auswirken.

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