Ärzte Zeitung online, 01.08.2016

Registeranalyse

Grippeimpfung hält Diabetiker von Kliniken fern

Grippegeimpfte Diabetiker müssen sich seltener eine Klinik von innen anschauen als Impfverweigerer: Schlaganfälle, schwere Atemwegsinfekte, und Herzinsuffizienzkomplikationen treten bei ihnen während der Influenzasaison deutlich seltener auf. Auch die Sterberate ist geringer.

Grippeimpfung hält Diabetiker von Kliniken fern

Impfung gegen Influenza: Scheinbar besonders gut für Diabetiker.

© Tatyana Sokolova / iStock / Thinkstock

LONDEN Der Nutzen einer Grippeimpfung bei älteren Menschen wird gelegentlich angezweifelt, vor allem Diabetikern wird eine schwache Immunantwort auf eine Influenzavakzine nachgesagt.

Ob dem tatsächlich so ist, lässt sich nur schwer sagen, denn große kontrollierte Studien dazu gibt es nicht und wird es auch nicht geben, da die Impfung gerade von Patienten mit kardiometabolischen Erkrankungen dringend empfohlen wird.

Ärzte um Dr. Eszter Vamos vom Imperial College in London sind daher einen anderen Weg gegangen, um die Wirksamkeit der Impfung zu überprüfen.

Sie nahmen Einträge zu Grippeimpfungen bei Diabetikern in der britischen Allgemeinarztdatenbank "Clinical Practice Research Datalink (CPRD)" unter die Lupe und verglichen sie mit Krankenhaus- und Sterbestatistiken.

Auf diese Weise konnten sie zeigen, dass die Gefahr, während der Grippesaison notfallmäßig in eine Klinik zu müssen oder zu sterben, bei geimpften Diabetikern deutlich verringert ist.

An der CPR-Datenbank beteiligen sich rund 300 britische Hausarztpraxen. Sie lieferten in den Jahren 2003 bis 2010 Impfdetails zu knapp 125.000 Typ-2-Diabetikern.

Jedes Jahr ließen sich danach zwischen 63 und 69% der Diabetiker gegen Influenza impfen. Mit Ausnahme der Saison 2003/2004 und 2009/2010 war der Impfstoff gut auf die zirkulierenden Erreger abgestimmt.

Sterberate halbiert

Geimpfte Diabetiker waren im Schnitt zehn Jahre älter (66 versus 56 Jahre) und hatten deutlich häufiger als nicht geimpfte Begleiterkrankungen wie Herzinsuffizienz, Asthma, COPD, Vorhofflimmern oder Krebs - die Ärzte legten also in der Tat großen Wert darauf, vor allem die gefährdetsten Diabetiker zu impfen.

Allerdings wurden die Geimpften auch besser medikamentös versorgt - sie hatten im Schnitt niedrigere HbA1c-Werte und Cholesterinspiegel als Diabetiker ohne Influenza-Immunisierung.

Wurden nur die Rohdaten verwendet, so ergab sich ein uneinheitliches Bild. Die geimpften Diabetiker mussten in der Influenzasaison häufiger aufgrund von Herzinfarkten und Herzinsuffizienz in eine Klinik, allerdings war dies im übrigen Jahr noch viel stärker der Fall. Die Sterberate war jedoch verglichen mit Ungeimpften in der Influenzasaison geringer.

Schauten sich die Forscher als Vergleichszeitraum den Sommer an, so schnitten die Geimpften in allen Punkten schlechter ab: Sowohl die Rate für Klinikeinweisungen aus jedweden Gründen als auch die Sterberate war höher, was sich auf das höhere Alter und die größere Zahl von Komorbiditäten zurückführen ließ.

Wurden nun Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Dauer und Ausprägung des Diabetes sowie die kardiometabolische Medikation berücksichtigt, ergab sich ein klareres Bild: Herzinfarkt-bedingte Klinikeinweisungen traten bei den Geimpften in der Influenzasaison zu 22% seltener auf, Schlaganfall- und Herzinsuffizienz-bedingte Krankenhausaufenthalte wurden jeweils zu 18 und 17% seltener beobachtet.

Stationäre Aufnahmen aufgrund von Atemwegsinfekten waren ein Viertel seltener als bei nicht Geimpften.

Den größten Unterschied fanden die Forscher um Vamos jedoch bei der Gesamtmortalität: Diese war in den Monaten mit nachgewiesener Influenzaaktivität um die Hälfte geringer.

Sämtliche Differenzen waren in der Regel in der Influenzasaison am größten und in den Sommermonaten am geringsten, was einen kausalen Effekt der Impfung zumindest nahelegt.

Ausgeprägter Nutzen

Da es jedoch auch in den Sommermonaten noch Unterschiede gab, nahmen die Forscher an, in ihren Berechnungen nicht alle Begleitfaktoren berücksichtigt zu haben - sonst dürfte es im Sommer keine Unterschiede geben, sofern man davon ausgeht, dass die Vakzine auf die untersuchten Faktoren dann keinen Einfluss mehr haben kann.

Unter diesen Voraussetzungen ließ sich bei geimpften im Vergleich zu ungeimpften Diabetikern in der Grippesaison eine 30% geringere Schlaganfall- und eine 19% geringer Herzinfarktrate berechnen. Das Risiko für schwere Atemwegsinfekte ist nach diesen Berechnungen dann allerdings nur noch um 15% reduziert und die Gesamtsterblichkeit um 24%.

Gerade die zuletzt genannten Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da es gelegentlich auch im Sommer eine gewisse Influenzaaktivität gibt und Ungeimpfte vielleicht erst im Sommer an den Folgen einer schweren Erkrankung sterben, die sie sich im Winter zugezogen haben.

Insgesamt, so die Ärzte um Vamos, deuten die Daten jedoch auf einen ausgeprägten Nutzen der Influenzaimpfung auch für Diabetiker. Sie sollten daher unbedingt jedes Jahr gegen das Virus immunisiert werden.

[02.08.2016, 06:23:55]
Wolfgang P. Bayerl 
@Thomas Georg Schätzler den wichtigsten Faktor vergessen
die Grippeimpfung.
Sie ist auch nützlich bei Asthma und COPD,
ebenso wie die Pneumokokkenimpfung im höheren Alter mit Risikofaktoren.
Literatur finden Sie im RKI reichlich.
Bei chronischen Infekten der oberen Luftwege lohnt auch mal eine gezielte Keimbestimmung
+ Antibiogramm. COPD hat gehäuft Probleme mit Moraxella catarrhalis. zum Beitrag »
[01.08.2016, 14:46:59]
Thomas Georg Schätzler 
Influenza-geimpfte Diabetiker passen besser auf sich auf, so lange sie es noch können!
Es handelt sich um die CMAJ-Publikation von "July 25, 2016, doi: 10.1503/cmaj.151059: Effectiveness of the influenza vaccine in preventing admission to hospital and death in people with type 2 diabetes" von Eszter P. Vamos et al.
http://www.cmaj.ca/content/early/2016/07/25/cmaj.151059

Wegen des rein retrospektiven Registerdaten-Studien-Designs kann das Autorenteam keine Schlussfolgerungen, sondern nur Interpretationen generieren: "Interpretation: In this cohort of patients with type 2 diabetes, influenza vaccination was associated with reductions in rates of admission to hospital for specific cardiovascular events. Efforts should be focused on improvements in vaccine uptake in this important target group as part of comprehensive secondary prevention."

Dabei wird verkannt, dass die Influenza-Impfung positiver Indikator für folgende morbiditäts- und mortalitätsmindernde Verhaltensweisen ist:
1. Aktives Präventionsbewusstsein
2. Aktives Aufsuchen der Impfstelle
3. Auseinandersetzung mit der Grundkrankheit
4. geringere Mobilitäts- und Teilhabeverluste
4. geringere koordinative, kognitive, mentale und intellektuelle Defizite

Stärker fortgeschrittener Typ-2-Diabetes und Ko- bzw. Multimorbiditäten führen zu immer geringerer Influenza-Impfraten. Das ist der springende Punkt!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund




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