Ärzte Zeitung online, 20.03.2017

Gestörte Glukosetoleranz

Abends Kohlenhydrate meiden!

Abendessen mit reichlich stärke- und zuckerhaltigen Lebensmitteln wirken sich bei Prädiabetes negativ auf den Blutzucker aus. Im Vergleich dazu spielt bei gesunden Menschen der Zeitpunkt der Kohlenhydrataufnahme keine Rolle, hat eine Studie von Ernährungsmedizinern ergeben.

Abends Kohlenhydrate meiden!

Teilnehmer einer Ernährungsstudie im Gespräch mit einer Studienschwester am Deutschen Institut für Ernährungsforschung.

© Till Budde / DIfE

POTSDAM-REHBRÜCKE. Die innere Uhr spielt eine Rolle für die Regulation von Stoffwechselprozessen und auch der Zuckerstoffwechsel unterliegt einer Tagesrhythmik. Zudem weisen neuere Studien im Tiermodell darauf hin, dass die innere Uhr auch beeinflusst, wie der Stoffwechsel auf die Zufuhr von Kohlenhydraten oder Fetten reagiert und dass bestimmte Zeitfenster im Tagesverlauf für den Verzehr einer kohlenhydratreichen oder fettreichen Kost aus gesundheitlicher Sicht besser geeignet sind als andere.

Zudem kamen Beobachtungsstudien zu dem Ergebnis, dass bei Menschen, die morgens kohlenhydratreich, aber fettarm essen, die Risiken für Typ-2-Diabetes oder für ein metabolisches Syndrom mit Viszeralfett, Bluthochdruck sowie Zucker- und Fettstoffwechsel-Störungen vermindert sind. Das genaue Zusammenspiel zwischen der Ernährungsweise und der tagesrhythmischen Regulation des Zuckerstoffwechsels ist bisher allerdings noch nicht hinreichend erforscht, berichtet das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in einer Mitteilung.

Ernährungsstudie mit 29 Männern

Die physiologischen Mechanismen dieses Zusammenspiels haben jetzt DIfE-Forscher um Katharina Keßler in einer Ernährungsstudie mit 29 Männern untersucht (Scientific Reports 2017; online 8. März). An der Studie nahmen nur Männer teil, weil zirkadiane Rhythmen bei Frauen aufgrund des Menstruationszyklus nur sehr schwer zu untersuchen sind. Die Studienteilnehmer waren im Schnitt 46 Jahre alt und normal- bis stark übergewichtig (BMI im Mittel von 27). Elf Teilnehmer hatten eine gestörte Glukosetoleranz: Das heißt, sie hatten bereits einen erhöhten Nüchtern-Blutzucker oder ihre Glukosewerte sanken nach einem Zuckerbelastungstest deutlich langsamer ab als normal. Bei den restlichen 18 Teilnehmern war die Glukosetoleranz normal.

Erhöhte Blutzuckerspiegel

Während der Studie hielten die Studienteilnehmer über je vier Wochen zwei unterschiedliche Diäten ein (A und B). Beide Diäten lieferten dieselbe Menge an Kalorien, Kohlenhydraten, Fetten und Eiweiß. Allerdings gab es Unterschiede, zu welcher Tageszeit vorwiegend Kohlenhydrate oder Fette gereicht wurden. So aßen Studienteilnehmer nach Diätplan A von morgens bis 13:30 Uhr kohlenhydratbetont und von 16:30 bis 22:00 Uhr fettbetont. Nach Diätplan B verzehrten sie vormittags fettreiche und nachmittags und abends kohlenhydratreiche Speisen. Begleitend zu den jeweiligen Ernährungsumstellungen wurden die Stoffwechselwerte der Studienteilnehmer ermittelt.

"Wie unsere Studie zeigt, ist es zumindest für Männer mit einer Zuckerstoffwechselstörung relevant, zu welcher Tageszeit sie eine kohlenhydratreiche Mahlzeit verzehren. Verglichen wir die nach den beiden Diäten gemessenen Blutzuckerwerte, so lagen ihre Blutzuckerspiegel nach Diät B um durchschnittlich 7,9 Prozent höher als nach Diät A, bei der die Teilnehmer abends fettbetont aßen. Interessanterweise konnten wir diesen Effekt bei den gesunden Männern nicht beobachten, obwohl wir generell sowohl bei den gesunden als auch den vorbelasteten Personen eine Abnahme der Glukosetoleranz im Tagesverlauf feststellten. Diese fiel bei Letzteren allerdings deutlich stärker aus", so Keßler in der DIfE-Mitteilung.

Abends weniger Darmhormone

Des Weiteren beobachteten die Forscher bei den vorbelasteten Männern eine veränderte Sekretion der Darmhormone Glucagon-like peptide-1 (GLP-1) und Peptid YY (PYY). Diese tragen zur Regulation des Zuckerstoffwechsels oder des Körpergewichts bei und deren Ausschüttung unterliegt einer bestimmten Tagesrhythmik. So sanken bei vorbelasteten Personen parallel zur deutlich ausgeprägten, nachmittäglichen Abnahme der Glukosetoleranz die Blutspiegel der beiden Hormone wesentlich stärker ab als bei gesunden Studienteilnehmern.

"Die zirkadiane Rhythmik der Hormonausschüttung beeinflusst also, wie wir auf Kohlenhydrate reagieren", betont Professor Andreas F. H. Pfeiffer, der am DIfE die Abteilung Klinische Ernährung leitet. Insbesondere Menschen mit gestörter Glukosetoleranz sollten sich daher nach ihrer inneren Uhr richten und abends kohlenhydratreiche Kost meiden. (eb/eis)

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