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Ärzte Zeitung online, 16.06.2017

ADA-Kongress

Diabetes ohne Insulin: Kein Vorteil durch Selbstmessung?

Der Nutzen regelmäßiger Blutzuckerselbstmessung bei Typ-2-Diabetikern ohne Insulintherapie wird kontrovers diskutiert. Eine neue Studie scheint jetzt Zweifler zu bestätigen: Danach ließen sich mit Messungen die langfristige Therapieergebnisse nicht verbessern. Es bleiben aber offene Fragen.

Von Beate Schumacher

Diabetes ohne Insulin: Kein Vorteil durch Selbstmessung?

Die regelmäßige Blutzuckerselbstmessung bei Diabetikern ohne Insulintherapie ist umstritten.

© levelupart - stock.adobe.com

SAN DIEGO. Anders als bei Diabetikern mit Insulintherapie wird bei Typ-2-Diabetikern ohne die Injektionen der Nutzen der Blutzuckerselbstmessung (Self-Monitoring of Blood Glucose, SMBG) immer noch kontrovers diskutiert. Durch eine bei der Tagung der Amerikanischen Diabetesgesellschaft (ADA) vorgestellen Studie dürften sich die Gegner der SMBG bestärkt fühlen: Patienten mit täglicher SMBG schnitten nach einem Jahr weder bei HbA1c-Senkung noch bei gesundheitsbezoger Lebensqualität besser ab als Patienten ohne SMBG (JAMA Intern Med 2017, online 10. Juni).

Die 450 Typ-2-Diabetiker der Studie waren auf je eine von drei Gruppen verteilt worden: mit normaler SMBG, mit erweiterter SMBG (automatisches Feedback zusätzlich) oder keiner SMBG. Die ambulant betreuten Patienten waren im Mittel 61 Jahre alt und seit acht Jahren Diabetiker; ihr HbA1c lag zwischen 6,5 und 9,5 Prozent (im Schnitt bei 7,6 Prozent).

Nach einem Jahr wurde weder mit der SMBG allein noch mit der erweiterten SMBG eine Verbesserung der Glykämiekontrolle erzielt. Die HbA1c-Veränderungen im Vergleich zur Gruppe ohne SMBG (–0,05 vs. –0,09 Prozent) waren weder klinisch noch statistisch signifikant.

Dasselbe galt für die gesundheitsbezogene Lebensqualität als zweite Komponente des primären Studienendpunkts. Weder im physischen noch im psychischen Score des HRQOL entwickelten sich die Gruppen mit SMBG anders als die Kontrollgruppe.

Ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen gab es im Hinblick auf Nebenwirkungen, inklusive Hypoglykämien, Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen oder Einleitung einer Insulintherapie.

Die Compliance der Patienten ließ im Lauf der Studie kontinuierlich nach, zum Schluss machte nur noch etwa die Hälfte der Patienten täglich Messungen. Das erklärt nach Ansicht der Studienautoren auch ein weiteres Ergebnis: Zumindest in den ersten sechs Monaten hatten beide SMBG-Gruppen stärkere HbA1c-Reduktionen erreicht als die Kontrollgruppe, in den nächsten sechs Monaten ging dieser Vorsprung wieder verloren.

Laut Laura Young von der Universität in Chapel Hill im US-Staat North Carolina und Kollegen demonstriert die Studie, dass "für die meisten Typ-2-Diabetiker ohne Insulintherapie die Blutzuckerselbstmessung keine Routine sein sollte". Allerdings sei ihre Studie zu klein gewesen, um den Nutzen der SMBG in bestimmten Situationen beurteilen zu können, etwa bei Patienten direkt nach der Diagnose oder nach einer Medikamentenumstellung. "Patienten und Ärzte sollten daher die jeweilige Situation betrachten, bevor sie die Entscheidung über Testen oder Nichttesten treffen."

Unter den Studienteilnehmern waren nur 15 Prozent, die seit maximal einem Jahr an Diabetes erkrankt waren. Außerdem hatten die meisten Patienten, nämlich 75 Prozent, schon vor Studienbeginn ihren Blutzucker zu Hause gemessen. "Unsere Studie testet eher die Fortsetzung als den Beginn einer SMBG", konstatieren Young und Kollegen. Unabhängig davon werde das Potenzial der SMBG in einer randomisierten Studie möglicherweise allein deswegen unterschätzt, weil Patienten, die daran teilnehmen, ohnehin schon ein relativ gutes Selbstmanagement hätten.

Erstattung bei Patienten ohne Insulintherapie

 Stadium: Einstellphase bei neu diagnostiziertem Diabetes.

 Verlauf: Bei häufigen Hypoglykämien sollte vor Mahlzeiten gemessen werden, solange bis das Therapieziel erreicht ist. Bei Therapieeskalation oder bei Rückgang von Insulin auf orale Antidiabetika wird zu vorübergehenden Messungen geraten.

 Erkrankung/Interventionen: Schwere Infekte, geplante Op sowie bei akut veränderter Ernährungssituation (etwa bei Durchfall, Erbrechen), bei psychischen Leiden, sofern sie die Adhärenz gefährden. Sport: Wenn Hypos aufgetreten sind.

 Diabetestherapie: Gelegenheitsmessungen bei Sulfonylharnstofftherapie. Gefahrensituationen: längere Autofahrten oder bei Berufskraftfahrern.

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