Ärzte Zeitung, 02.04.2004

Vorsichtige Bestrahlung hilft gegen Lichturtikaria

Langsam werden Patienten abgehärtet / Vorsicht: Übermäßige Strahlung kann zu anaphylaktischem Schock führen

GÖTTINGEN (hsr). Patienten mit Lichturtikaria sollten zur Prophylaxe Sonne, Solarien und Halogenlicht meiden, Fensterscheiben im Haus mit Folien abtönen und ihre Autos rundum mit Verbundsicherheitsglas bestücken. Doch die wichtigste Therapie sind UV-Bestrahlungen, sehr vorsichtig zunächst, um langsam unempfindlicher gegen das Licht zu werden.

Dieses Vorgehen bei Lichturtikaria-Kranken ist eine Gratwanderung, wie Professor Silvia Schauder von der Universitäts-Hautklinik in Göttingen berichtet (Der Hautarzt 10, 2003, 952).

Denn durch künstliche oder natürliche Strahlen soll eine Toleranz hervorgerufen werden, ohne die Urtikaria-auslösende Grenze zu überschreiten. Wie gefährlich übermäßige Strahlendosen sein können, hat die Dermatologin bei zwei Patienten erlebt, die beim Versuch, sich im Solarium abzuhärten, einen anaphylaktischen Schock erlitten hatten.

Empfohlen wird eine sehr vorsichtige, tägliche Abhärtung

Um das zu verhindern, empfiehlt Schauder für Patienten ohne Allgemeinsymptome eine sehr vorsichtige, tägliche Abhärtung mit natürlichem Licht. Die kurze Sonnenexposition soll lediglich einen leichten Juckreiz mit Rötung auslösen. Dadurch werden Mediatoren ausgeschüttet, und der Patient ist an diesem Tag unempfindlich für Licht. Als Alternative schlägt die Dermatologin Bestrahlungen im spektralen UVB- und/oder UVA-Bereich vor. Mit diesem Verfahren halte die schützende Wirkung sogar bis zu 72 Stunden an.

Bei stark ausgeprägter Lichturtikaria hat sich nach ihrer Erfahrung eine kontrollierte, schnelle Abhärtung bewährt. Dabei wird die Haut etwa achtmal im Abstand von 60 Minuten an drei aufeinander folgenden Tagen mit steigenden UVA-Dosen bestrahlt. Dieses Spektrum erziele eine Toleranz für die Wellenlängenbereiche UVA, sichtbares Licht und UVB.

An Fensterscheiben können getönte Folien weiterhelfen

Weiter rät Schauder bei ausschließlicher UV-Empfindlichkeit zu UV-undurchlässigen glasklaren oder bei zusätzlicher Sensibilität gegen sichtbares Licht zu leicht getönten Folien an Fensterscheiben von Haus und Auto.

Denn Fensterglas hält UVB-Strahlen weitgehend ab, UVA-Strahlung und sichtbares Licht hingegen durchdringen normales Glas. Für manche Patienten, deren Haut besonders auf kurzwelliges UVB und UVA2 reagiert, ist außerdem Verbundsicherheitsglas rundum im Auto ratsam. Diese Scheiben lassen nur langwelliges UVA1 und sichtbares Licht passieren.

Zur Prophylaxe bewährt hat sich auch textiler UV-Schutz durch lange Hosen und langärmlige Kleidung, breitkrempige Hüte mit Nackenschutz sowie Handschuhe. Die Materialien sollten dunkel und wie bei Bluejeans dicht gewebt sein. Als Medikation schlägt Schauder nicht-sedierende Antihistaminika wie Terfenadin, Astemizol, Cetirizin oder Fexofenadin vor. Die H1-Rezeptorantagonisten, aber auch das Antidepressivum Doxepin, linderten die Symptome der Lichturtikaria wirksam.

Das Verzeichnis "Deutschsprachige Hautkliniken mit photodiagnostischem Schwerpunkt und Ansprechpartner" ist bei Professor Silvia Schauder (E-Mail: Schauder@med.uni-goettingen.de) erhältlich.

STICHWORT

Lichturtikaria

Die Lichturtikaria ist eine sehr seltene, innerhalb von Minuten auftretende idiopathische Photodermatose, deren pathogenetischer Mechanismus weitgehend ungeklärt ist. Elektromagnetische Strahlung produziert, so wird angenommen, ein Photoallergen, das eine allergische Reaktion vom Soforttyp durch Freisetzung von Histamin aus den Mastzellen verursacht. Symptome sind Jucken, Brennen, Rötung und Quaddeln an lichtexponierter Haut, die jedoch wenige Stunden nach der Exposition abklingen. (hsr)

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