Ärzte Zeitung, 11.05.2005

HINTERGRUND

Medikamente zum Anziehen - Forscher entwickeln heilende Kleidung

Von Sonja Huhndorf

Arznei- und Pflegemittel gibt es in Form von Tabletten, Tropfen, Cremes und Sprays - und bald auch zum Anziehen. Wissenschaftler und Textilindustrie haben bei der Entwicklung pflegender und heilender High-Tech-Bekleidung in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht.

    Cyclodextrine in Textilien können Wirkstoffe speichern.
   

Viele solcher "intelligenter Kleidungsstücke" existieren deshalb nicht mehr nur als Idee oder Prototyp, sondern sind bereits auf dem Markt erhältlich - beispielsweise ein T-Shirt eines japanischen Herstellers, das Vitamin C an die Haut abgibt.

Besonders die Verwendung der Cyclodextrine könnte diese Entwicklung noch weiter vorantreiben. Diese Zuckermoleküle lassen sich sehr fest mit Textilien verbinden. Sie können Pflegemittel und Medikamente speichern und an den Träger des Kleidungsstückes abgeben. Die ringförmigen Abbauprodukte der Stärke sind vollkommen ungiftig und lösen keine allergischen Reaktionen aus, so weit bisher bekannt ist.

Das Besondere an den Cyclodextrinen ist, daß sich verschiedene Wirkstoffe in sie einbringen lassen, etwa Kortison oder Antimykotika. Wie in einem Käfig werden diese Substanzen von diesen Molekülen eingeschlossen und nach und nach abgegeben.

Substanzen werden nur bei Hautkontakt abgegeben

"Die Cyclodextrine geben diese Substanzen aber nur bei direktem Hautkontakt ab", erklärt der Chemiker Hans-Jürgen Buschmann, Leiter einer Arbeitsgruppe im Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West in Krefeld. Deshalb funktioniert diese Technik nur bei eng anliegenden Kleidungsstücken wie zum Beispiel Unterwäsche.

Durch den direkten Kontakt mit der Haut bieten sich diese Textilien besonders zur Therapie bei Hautkrankheiten an. So könnten sie vor allem das Leben der etwa fünf Millionen Neurodermitiker in Deutschland erheblich erleichtern.

Aber auch andere Hautkrankheiten könnten mit solchen Kleidungsstücken bekämpft werden - vorausgesetzt, die Cyclodextrine sind mit den entsprechenden Wirkstoffen beladen. Der Handschuh für empfindliche Friseurhände scheint ebenso realisierbar zu sein wie Anti-Fußpilz-Socken. Es gibt viele Möglichkeiten, und der Bedarf ist vorhanden.

Die Textilien können in der Maschine gewaschen werden

"Im Prinzip läßt sich jede Faserart mit dem Cyclodextrinen ausstatten", erläutert Buschmann. Das Verfahren sei ähnlich wie beim Färben von Textilien: Die Zuckermoleküle verbinden sich auf chemischem Weg mit den Fasern. Da sie nicht selbst mit den Fasermaterialien reagieren, sind dafür reaktive Substanzen erforderlich.

Spezielle Anforderungen an die Pflege stellen mit Cyclodextrinen ausgestattete Textilien nicht. Sie können mit gewöhnlichen Waschmitteln in der Maschine gewaschen, ja sogar gekocht werden. Außerdem sind sie gegen UV-Licht und Körperflüssigkeiten wie Schweiß, Urin und Blut beständig.

Anders sieht das mit den Substanzen in diesen Molekülen aus. "Bei jeder Wäsche gehen die Substanzen in den Cyclodextrinen verloren", erläutert Buschmann. Sie lassen sich aber einfach wieder auffüllen, zum Beispiel, indem die Textilien mit dem entsprechenden Stoff besprüht werden.

Die Tatsache, daß die Cyclodextrine nachfüllbar sind, unterscheidet sie von anderen Verfahren, bei denen Textilien mit pflegenden Substanzen versehen werden. Bereits im Handel erhältliche Blusen und Dessous mit Aloe Vera und auch das Vitamin C abgebende T-Shirt verlieren ihre Wirkung zum Beispiel schon nach etwa 30 Waschgängen.

Leere Cyclodextrine können auch Stoffe aus der Umwelt aufnehmen und bis zur nächsten Wäsche festhalten. Auf dem Markt gibt es schon Kleidungsstücke, bei denen Cyclodextrine Schweiß und üble Gerüche binden sollen. Der Herrenausstatter Brinkmann aus Herford bietet zum Beispiel einen Anzug an, der immer frisch riecht.

Selbst, wenn dessen Besitzer die ganze Nacht in der Kneipe verbringt, können es ihm seine Kollegen dank der Cyclodextrine nicht anriechen. Dieser Anzug ist bereits im Handel erhältlich. Kleidungsstücke mit Cyclodextrinen, die der Hautpflege und -regeneration dienen, werden ihm wohl bald folgen.

Bei Hautpflegemitteln komme es auch nicht so genau auf die Dosierung an, sagt Buschmann. Bei Medikamenten gegen viele Krankheiten ist dies aber anders. Die Cyclodextrine müßten solche Wirkstoffe also in genau festgelegter Menge freisetzen.

Bisher ist es Wissenschaftlern noch nicht gelungen, dieses Dosierungsproblem zu lösen. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß es in absehbarer Zeit die "Therapie zum Anziehen" gegen solche Krankheiten geben wird.

Aber noch aus einem weiteren Grund ist die Chance, daß solche heilenden Textilien bald in unseren Kleiderschränken hängen werden, gering: Nach den Worten von Buschmann müßte jedes dieser Kleidungsstücke erst arzneimittelrechtlich zugelassen werden. Und das ist bekanntlich eine teure und auch eine aufwendige Prozedur.

Informationen im Internet gibt es beim Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West, Forschungsbereich supramolekulare Chemie und Polymerchemie unter: www.dtnw.de. Infos zum T-Shirt, das Vitamin C abgibt: www.wissenschaft.de/wissen/news/152828.html Infos zum japanischen Unternehmen Fuji Spinning: www.fujibo.co.jp

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