Ärzte Zeitung, 01.02.2007

HINTERGRUND

Juckreiz ist ein Begleitsymptom vieler Krankheiten - Art und Lokalisation können auf Ursachen hinweisen

Von Thomas Meißner

Quälender Juckreiz - Kratzartefakte sind oft die einzige Hautveränderung. Foto: ÄZ

Juckreiz ist immer wieder eine diagnostische und therapeutische Herausforderung. Er beschäftigt nicht nur Dermatologen, sondern auch Hausärzte; ist er doch ein Begleitsymptom vieler innerer, onkologischer und neurologischer Krankheiten. Da dem Juckreiz wohl unterschiedliche Pathomechanismen zu Grunde liegen, gibt es je nach Grunderkrankung verschiedene Therapie-Optionen.

Pruritus kommt oft bei Leber- und Nierenerkrankungen vor

Juckreiz unklarer Ursache ist ein Grund, sich auf die Suche nach einer Diagnose zu begeben. Zwar kommt Pruritus am häufigsten bei Leber- und Nierenerkrankungen vor, schreiben Professor Thomas Mettang von der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden und seine Kollegen (Der Hautarzt 57, 2006, 395).

Aber auch Infektionen, hämatologische oder endokrine Erkrankungen können die Ursache sein. Pruritus kommt zudem in allen Stadien von Tumorkrankheiten vor und kann der Diagnose sogar um Jahre vorausgehen. Auch Anorexie-Patienten haben zum Teil Juckreiz. Seltene Ursachen sind Multipler Sklerose, Hirninfarkte oder Hirntumoren.

Kratzartefakte sind bei der klinischen Untersuchung meist die einzigen Hautveränderungen, die zu sehen sind. Medikamenten-induzierter Pruritus geht gegebenenfalls mit einem masernartigen Exanthem einher. Zehn bis 20 Prozent der Lymphom- und Leukämiepatienten haben Papeln, Knoten, Plaques oder Ulzera. Bei HIV-Infektionen oder Hypothyreose hängt der Juckreiz oft mit trockener Haut zusammen.

Art und Lokalisation der Beschwerden variieren je nach Grunderkrankung:

  • 25 bis 50 Prozent der Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz haben einen generalisierten Juckreiz, vor allem am Rücken, am Shuntarm (bei Dialyse) und im Gesicht.
  • Auch hepatischer Pruritus ist meist generalisiert. Betroffene können ihn durch Kratzen kaum lindern. Typische Lokalisationen sind Handflächen, Fußsohlen sowie die Auflageflächen der Kleidung.
  • Bei Morbus Hodgkin beginnt der Juckreiz meist nachts in den Beinen, bevor er generalisiert. Auch ein Rezidiv der Erkrankung kann sich durch Juckreiz ankündigen.
  • Für Polycythaemia vera ist ein stechender Juckreiz nach dem Baden oder bei Temperaturschwankungen typisch.
  • Bei Hirntumoren wurde ein Pruritus der Nasenlöcher beobachtet.

Untersuchungen zu den Ursachen des Juckreizes lieferten bisher oft widersprüchliche Resultate. So werden etwa bei Nierenerkrankungen Parathormon und Histamin als ursächliche Faktoren vermutet. Allerdings seien Antihistaminika in der Regel unwirksam, so die Kollegen. Ungeklärt sei auch die Bedeutung von Antigenen und Urämietoxinen. Vermutet werden auch erhöhte Vitamin-A-Gewebskonzentrationen, Entzündungsprozesse, Mikroverkalkungen in der Haut oder die vermehrte Stimulation von µ-Opioidrezeptoren durch Endorphine.

Im Vordergrund steht bei Pruritus zunächst die Therapie gegen die Grunderkrankung, etwa die Beseitigung der Cholestase bei Leber- und Gallenwegserkrankungen.

Therapie-Optionen bei Nierenerkrankungen sind hochdosierte Aktivkohle (6 g/d über zwei bis drei Wochen), UVB-Licht-Bestrahlung oder die Verschreibung des Opioidantagonisten Naltrexon, des Serotoninrezeptor-Antagonisten Ondansetron oder des Antiepileptikums Gabapentin, empfiehlt das Team um Mettang. Auch Akupunktur oder Elektroakupunktur sollen wirksam sein.

Medikamente bessern Juckreiz bei Lebererkrankungen

Bei Lebererkrankungen gibt es positive Berichte über Dronabinol, einem Agonisten des Cannabinoid-B1-Rezeptors und über den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Sertralin. Vielen Patienten hilft Colestyramin, allerdings oft nur vorübergehend. Bei Nieren- oder Leberversagen führt eine Organtransplantation zur deutlichen Besserung des Juckreizes oder sogar zur Symptomfreiheit.

Ist der Juckreiz besonders auf die trockene Haut zurückzuführen, kann Patienten oft mit rückfettenden Salben und Ölbädern geholfen werden. Ursache von vulvärem Pruritus, von dem etwa jede fünfte Patientin mit Diabetes betroffen ist, ist oft eine Candida- oder Dermatophyten-Infektion.

FAZIT

Juckreiz tritt meist ohne sichtbare Hautveränderungen auf. Die Diagnose der auslösenden Erkrankung ist oft schwierig und sollte fachübergreifend erfolgen. Je nach Grunderkrankung gibt es verschiedene Therapie-Optionen. Eine kausale Behandlung ist meist nicht möglich. Eine Option bei mit Leberkrankheiten assoziiertem Juckreiz etwa sind Dronabinol, Sertralin oder Colestyramin. Auch Akupunktur kann eine Option bei Juckreiz sein. (ner)

Juckreiz und Krebs

Juckreiz ist als paraneoplastisches Phänomen bekannt. Ein generalisierter Pruritus unklarer Ursache sollte daher auch an eine maligne Erkrankung denken lassen, so Professor Thomas Mettang aus Wiesbaden und seine Kollegen. Dies gelte besonders für ältere Männer mit Eisenmangel.

Pruritus kann direkt infolge des Tumorwachstums, etwa bei Mamma-, Kolon-, Prostata-Ca entstehen oder sekundär durch Cholestase, etwa beim Pankreaskopf-Ca, über zentrale Mechanismen bei Hirntumoren oder als Therapiefolge etwa durch Zytostatika. (ner)

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