Ärzte Zeitung, 29.06.2007

HINTERGRUND

Gefährliche Körperkunst: Tattoos und Piercings sind beliebt, die Risiken sind den Kunden oft nicht bewusst

Von Nicola Siegmund-Schultze

Die Haut wird hochgezogen und durchstochen: So entsteht - hier am Bauchnabel - ein Piercing. Foto: dpa

Immer mehr Menschen in den westlichen Ländern möchten ihren Körper bleibend verschönern: mit Body Modification - zu deutsch: Körperveränderung. Etwa sieben Millionen Bundesbürger haben mindestens ein Tattoo, etwa 25 Prozent sind es in der Altersgruppe bis 30 Jahre.

Auch der Trend zum Piercen nimmt zu. Gepierct wird längst nicht nur in Ohrläppchen, sondern auch im Ohrknorpel und im Augenbrauenbereich, in der Nase, in Wangen, Ober- und Unterlippen, Brustwarzen oder im Genitale. "Früher konnten wir die Patienten bitten, ihren Schmuck abzulegen für die Behandlung, heute sehen wir immer häufiger auf dem Röntgenbild Metallgegenstände im Intimbereich", sagt ein Strahlentherapeut der Universitätsklinik Köln.

Fast alle Körperteile sind mit Ringen und Perlen verziert

So geht es auch Hausärzten, Urologen, Gynäkologen und Dermatologen. Sie untersuchen Männer, die sich das Skrotum, die Vorhaut oder die Eichel durchstechen und mit Metallringen haben versehen lassen, in die Oberseite des Penis oder in den Handrücken werden Perlen implantiert. Frauen verzieren Schamlippen mit Schmuckringen.

Wie aber sollen Ärzte mit dem anhaltenden Trend zur invasiven Körperveränderung umgehen? Grundsätzlich sollten sie das Vorhaben natürlich nicht unterstützen. Die Bundesärztekammer hat sich zudem dagegen ausgesprochen, dass Ärzte selbst piercen, da dies nicht Krankheiten lindere, sondern - im Gegenteil - gesundheitliche Risiken berge. Wie groß diese bei Tätowierungen sind, werde gerade in einer epidemiologischen Studie untersucht, sagte Privatdozent Wolfgang Bäumler von der Uni Regensburg der "Ärzte Zeitung" (www.tattoo-umfrage.de).

"Jedem, der für sich eine Tätowierung oder ein Piercing erwägt, kann ich nur dringend empfehlen, sich zuvor vom Hausarzt beraten zu lassen", sagte Bäumler. Es sei wichtig, dass sich der Hausarzt als Vertrauensperson anbiete, selbst wenn er die Pläne des Patienten nicht unterstützen könne, damit dieser eventuelle Komplikationen nicht verschleppe. Menschen mit beeinträchtigtem Immunsystem, etwa bei Diabetes mellitus, sollten sich wegen des erhöhten Risikos für Wundheilungsstörungen und Infektionen generell nicht tätowieren oder piercen lassen; auch bei Blutgerinnungsstörungen ist abzuraten.

Die wichtigsten Risiken von Piercing und Tattoos sind bakterielle und virale Infektionen, Blutungen, Allergien, überschießende Narbenbildung (Keloide) und Fremdkörpergranulome. Im Bereich von Tätowierungen seien gelegentlich Plattenepithel- und Basalzellkarzinome sowie maligne Melanome beobachtet worden, ohne dass ein kausaler Zusammenhang klar belegt sei, so Bäumler.

Zu den Grundsätzen invasiver Formen von Body Modification gehören aseptische Bedingungen - Piercingpistolen lassen sich schlecht sterilisieren und werden daher nicht empfohlen - und beim Piercing auch die Möglichkeit, den Schmuck leicht zu entfernen. Die besonders beliebten hohen Piercings durch den Knorpel der Ohrmuschel bergen das Risiko, dass größere Infektionsherde sich nicht sanieren lassen und zu Nekrosen führen könnten.

Piercings im Bereich der Unterlippe mit Gegensteckern im Mund können über ständige Gingiva-Reizung zu Zahnfleischatrophie und Zahnverlust führen. Ein 17-jähriger junger Mann ist kürzlich an den Folgen einer Sepsis durch Lippenpiercing gestorben. Bei einem Mädchen ist eine Tricuspidalklappen-Endokarditis nach Bauchnabelpiercing aufgetreten: die 16jährige war mit septischem Fieber und septischer Arthritis in eine Klinik gebracht worden. Die Ärzte stellten die Herzklappenerkrankung fest, im Gelenkpunktat war Staphylococcus aureus.

Hygienisch oft mangelhafte Bedingungen in Studios

In Deutschland sind die Bedingungen, unter denen tätowiert oder gepierct wird, hygienisch oft mangelhaft, sagt Bäumler, der im Jahr 2003 von der EU-Kommission als Sachverständiger zu diesem Thema befragt worden war. Die Gesundheitsämter müssten prüfen, ob überhaupt die Voraussetzungen für gute hygienische Bedingungen in deutschen Studios gegeben sei, könnten dies aber nicht flächendeckend tun, sagt Bäumler. Für die Herstellung der 200 bis 250 verschiedenen Stoffe, die für Tattoos verwendet würden, gebe es keine Standards.

"Die Pigmente, die oft vom Großhändler stammen, werden natürlich nicht unter den hygienischen Bedingungen der Arzneimittelmittelproduktion hergestellt, sondern sind zum Beispiel zum Lackieren von Fahrzeugen gedacht", so der Experte. Autolacke seien wegen ihrer Brillanz und Beständigkeit besonders beliebt, könnten aber mit Keimen kontaminiert und toxisch sein und ließen sich schlecht mit dem Laser wieder entfernen.

Bereits im Jahr 2003 hatte die EU-Kommission Bedarf gesehen, invasive Formen von Body Modification zu regeln, ohne dass bislang eine Entscheidung gefallen wäre. "Nicht einmal auf eine Negativliste für Tätowierungspigmente, wie sie damals vorgeschlagen worden ist, konnte man sich in der EU einigen", bedauert Bäumler. Auch im deutschen Bundesverbraucherministerium sieht man seit Jahren Handlungsbedarf. "Die Expertenanhörungen laufen noch", so eine Sprecherin. Mit einer entsprechenden Verordnung sei in naher Zukunft nicht zu rechnen.

STICHWORT

Body Modification

Ende der 60er Jahre kam Body Modification in den westlichen Ländern in Mode als Ausdruck für eine offene oder heimliche Rebellion gegen das Establishment.

In den 80er Jahren haben sich die Formen von Body Modification noch einmal diversifiziert, so Privatdozent Erich Kasten, der an der Uni Magdeburg Medizinische Psychologie lehrt (Erich Kasten in: Body Modification, Ernst Reinhardt Verlag). Jetzt wird nicht nur tätowiert und gepierct, sondern es werden auch Schmucknarben (Skarifizierungen) gesetzt durch Brennen (Branding), Schneiden (Cutting) oder chemische Substanzen. Die Subkultur um die Body Modifikation hat sich rasant entwickelt, auch mit Hilfe des Internets. (nsi)

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