Ärzte Zeitung, 29.01.2008

Versorgungsdefizite bei chronischen Wunden

Kritik vom Berufsverband Deutscher Chirurgen /  Mit feuchten Verbänden verkürzt sich die Heilungszeit, und Patienten haben weniger Schmerzen

Die Versorgungsqualität bei Patienten mit chronischen Wunden ist in Deutschland tendenziell schlecht, kritisiert der Berufsverband Deutscher Chirurgen (BDC). Er beruft sich dabei auf Aussagen niedergelassener Ärzte, überwiegend Allgemeinmediziner und Internisten, in einer repräsentativen Umfrage des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung (IGSF). Hauptursache für die Defizite sei der wirtschaftliche Druck auf die Niedergelassenen, so der BDC. Deshalb würden Patienten moderne Wundversorgungssysteme oft vorenthalten.

Von Thomas Meißner

Das Bein wird bei einer Patientin mit Ulcus cruris gewickelt. Gerade bei der Betreuung alter Menschen ist oft die Versorgung chronischer Wunden erforderlich.

Foto: Klaro

Nach Eigenauskunft der mehr als 800 befragten Kollegen werden etwa 40 Prozent der Patienten mit chronischen Wunden hierzulande mit traditionellen oder sonstigen Wundauflagen behandelt, etwa 60 Prozent mit modernen feuchten Wundauflagen. Zugleich sagen aber fast 90 Prozent der befragten Ärzte, sie würden vorzugsweise moderne Systeme verwenden, wenn es keine budgetären Einschränkungen gäbe.

Diese Zahlen unterscheiden sich so gut wie nicht in den verschiedenen Facharztgruppen. Egal ob Hausarzt, Chirurg oder Dermatologe - das Wissen um die Vorzüge der feuchten Wundbehandlung ist vorhanden. Die Angst vor Wirtschaftlichkeitsprüfungen hindere sie jedoch daran, die teilweise teuren Systeme regelmäßig anzuwenden, bestätigt Dr. Jörg-Andreas Rüggeberg aus Bremen, Vizepräsident des BDC, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Sparpolitik geht zu Lasten der Patienten

Dieser indirekte Entzug von notwendigen Verbandmitteln verteuere aber letztlich die Gesamtbehandlung, von Nachteilen für die betroffenen Patienten ganz zu schweigen, so Rüggeberg in einem schriftlichen Kommentar des BDC zur Studie. Es sei dringend geboten, diese Problematik öffentlich zu diskutieren, etwa als Paradebeispiel einer verfehlten Sparpolitik.

2,5 bis 4 Millionen Patienten mit chronischen Wunden soll es in Deutschland geben. Da chronisch Kranke, ob Diabetiker, pAVK-Patienten oder Patienten mit postthrombotischem Syndrom, immer älter werden, wird auch die Häufigkeit chronischer Wunden zunehmen - ein Gesundheitsproblem, das sich nach Erfahrung des Bremer Chirurgen oft nicht in zwei, drei Quartalen beseitigen lasse. Nach Ansicht von IGSF und BDC hätte der adäquate Umgang mit modernen Wundversorgungssystemen trotz höherer Stückkosten zwei Vorteile im Vergleich zu traditionellen Verbänden: Die Patienten hätten weniger Schmerzen, die Lebensqualität verbessere und Behandlungszeit verkürze sich.

Mit modernen Auflagen heilen Wunden meist schneller

Dies dürfte in der Folge zu Kosteneinsparungen für das Gesundheitssystem führen, vor allem, da moderne Wundauflagen seltener gewechselt werden müssen und die Wunden schneller heilen.

Allerdings warnt Rüggeberg davor, in den feuchten Wundauflagesystemen ein Allheilmittel zu sehen. Welche Wundauflage für welchen Patienten geeignet sei, müsse immer patientenbezogen beurteilt werden.

Der niedergelassene Chirurg kritisierte vor allem den erheblichen Druck, der häufig von Pflegediensten auf niedergelassene Ärzte ausgeübt werde, teure Materialien zu verordnen, unter Umständen verbunden mit dem Hinweis an die Patienten, gegebenenfalls einen anderen Arzt zu suchen.

Grundprinzip im Umgang mit chronischen Wunden müsse die subtile Diagnostik über Art und Ursache der Wunde bleiben sowie eine optimale Behandlung mit Blick auf das Grundleiden. Die lokale Behandlungsstrategie und die Materialien zur Wundversorgung müsse man je nach Phase der Wundheilung variieren. Dies erfordere Erfahrung. "Da muss man schon ein Auge für haben", so Rüggeberg. Seiner Meinung nach gehören deshalb Patienten mit chronischen Wunden in spezialisierte Wundpraxen. Dies sei nicht an eine spezifische Facharztqualifikation gebunden, betont er mit Blick auf die Hausärzte. Man müsse zudem überlegen, ob man nicht eine strukturierte Versorgung für Patienten mit chronischen Wunden, etwa in Disease-Management-Programmen (DMP), etabliert.

Gesonderte Vergütung für chronische Wunden?

Dies würde auch einer koordinierten Versorgung durch Pflegedienste, Krankenhäuser und Praxen zugute kommen. Zudem schlägt Rüggeberg vor, chronische Wunden als eigenständiges Krankheitsbild beim Risiko-Strukturausgleich (RSA) zu berücksichtigen und gesonderten Vergütungsverträgen zu unterwerfen.

Rüggeberg selbst nimmt in seiner Praxis übrigens keine Rücksicht auf eventuelle Wirtschaftlichkeitsprüfungen bei der Verordnung moderner Wundauflagen. "Meine Patienten erhalten das, was sie brauchen!" Regressandrohungen schrecken ihn nicht, weil er wisse, wie "diese Spielchen" laufen und wie man sich verhalten müsse. "Ich habe aber Verständnis für viele Kollegen, die sich diesen Ärger ersparen wollen."

FAZIT

Nach wie vor gibt es Behandlungsdefizite bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden. Dies liegt nach den Ergebnissen einer Studie nicht an fehlendem Wissen seitens der Ärzte, sondern hat strukturelle Gründe. Vor allem die Bedrohung durch Wirtschaftlichkeitsprüfungen hält Ärzte von der Verordnung moderner Wundauflagen ab.

Eine Zusammenfassung der Studie des Instituts für Gesundheitssystemforschung Kiel findet sich unter www.bdc.de (Suche: chronische Wunden). Fachinformationen und Fortbildungsangebote gibt es bei der Initiative chronische Wunden: www.ic-wunden.de

DIE STUDIE IN KÜRZE

Die Untersuchung des Instituts für Gesundheitssystemforschung (IGSF) in Kiel war als Meinungsumfrage konzipiert. 20 000 zufällig ausgewählte niedergelassene Ärzte in Deutschland waren befragt worden, 853 Fragebögen waren auswertbar (Rücklaufquote: 4,3 Prozent). 63 Prozent waren Allgemeinmediziner und praktische Ärzte, 16 Prozent Internisten, zwölf Prozent Chirurgen, neun Prozent Dermatologen.

87 Prozent der Befragten hatten einen Anteil von Patienten mit chronischen Wunden pro Quartal von bis zu zehn Prozent. Bei jedem zehnten Kollegen lag der Anteil zwischen zehn und 30 Prozent.

Die meisten verordnen sowohl feuchte/moderne Wundauflagen als auch traditionelle Verbände. Sechs Prozent der Ärzte setzen grundsätzlich bei allen Patienten mit chronischen Wunden moderne Produkte ein, nur zwei Prozent setzen nie moderne Wundverbände ein. Auf die Frage, ob die Ärzte vorzugsweise moderne Wundversorgungsprodukte anwenden würden, wenn es keinerlei budgetäre Einschränkungen gäbe, antworteten 87 Prozent mit "Ja", 13 Prozent mit "Nein". (ner)

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