Ärzte Zeitung online, 07.08.2012

Offene Beine

Hautzellen aus der Spraydose

Selbst unter optimaler Therapie heilen üblicherweise nur 30 bis 70 Prozent aller venösen Beingeschwüre binnen drei Monaten ab. Höhere Heilungsraten bietet eine neue Zelltherapie zum Aufsprühen.

MIAMI (BS). Für eine neuartige Behandlungsform bei chronisch venösen Bein-Ulzera werden allogene Hautzellen verwendet. Diese sind kein Ersatz für die defekte Haut, vielmehr sollen sie - mithilfe der freigesetzten Wachstumsfaktoren - Regenerationsprozesse in der Wunde anregen.

Dazu wurde ein Spray (provisorischer Name HP802-247) entwickelt. Dieses enthält, eingebettet in eine Fibrinmatrix, allogene Keratinozyten und Fibroblasten.

Die Zellen werden aus der Vorhaut von Neugeborenen gezüchtet und dann durch Gammastrahlung am weiteren Wachstum gehindert. Dass die Therapie funktioniert, belegt eine randomisierte placebokontrollierte Phase-II-Studie an 228 Patienten mit chronischen venösen Beingeschwüren (Lancet 2012; online 3. August).

In der Studie waren zwei verschiedenen Zellkonzentrationen (0,5 x 106 oder 5 x 106/ml) alle sieben oder alle 14 Tage im Vergleich zur alleinigen Applikation des Trägermediums im Abstand von sieben Tagen getestet worden.

Alle Patienten hatten außerdem eine Kompressionstherapie erhalten. Die Ulzera mit einer Größe von 2-12 cm2 hatten seit mindestens sechs Wochen und höchstens zwei Jahren bestanden.

Nach der zwölfwöchigen Studientherapie hatten sich die Wundflächen in allen aktiven Behandlungsgruppen signifikant stärker reduziert als in der Kontrollgruppe.

Am stärksten geschrumpft waren sie bei der 14-tägigen Behandlung mit der niedrigeren Zelldosis, nämlich um 91 Prozent, und damit um relative 16 Prozent mehr als ohne Zelltherapie (Verkleinerung um 80 Prozent).

Auch ein vollständiger Wundverschluss wurde in diesem Therapiearm am häufigsten erreicht: Nach zwölf Wochen betrug die Heilungsrate 70 Prozent gegenüber 46 Prozent mit der Kontrollbehandlung.

Hoffnungsschimmer bei chronischen Wunden?

Wenn die anfängliche Ausdehnung der Wunde berücksichtigt wurde, erhöhte die Therapie die Heilungschancen sogar um 83 Prozent. Im Median wurde der Wundverschluss schon 21 Tage früher erreicht.

Nebenwirkungen wurden unter den Zelltherapien nicht häufiger berichtet als unter der Kontrolltherapie, es ergaben sich keine Sicherheitsbedenken.

Die Studienautoren um Professor Robert S. Kirsner von der University of Miami leiten aus dieser und vorausgegangenen Untersuchungen ab, dass mit der von ihnen erprobten Zelltherapie etwa 60 bis 70 Prozent aller venösen Beinulzera innerhalb von zwölf Wochen komplett zur Abheilung gebrachten werden können.

"Die Behandlung hat das Potenzial, die Heilung von offenen Beinen erheblich zu verbessern - ohne dass Haut transplantiert werden muss." Letzteres birgt den Nachteil, dass dem Patienten eine weitere Wunde zugefügt wird und er länger auf die Therapie warten muss.

Professor Matthias Augstein von der Universitätsklinik Hamburg bestätigt in einem Kommentar die Notwendigkeit neuer Therapien für die Behandlung von venösen Beinulzera, zusätzlich zur unverzichtbaren Basistherapie durch Kompression.

Laut Augstein belaufen sich die Behandlungskosten für venöse Beingeschwüre pro Patient in Deutschland auf etwa 10.000 Euro. Die Behandlungskosten würden vor allem durch eine erfolglose Ausdehnung konservativer Behandlungsmaßnahmen in die Höhe getrieben.

Vor diesem Hintergrund "könnten die vorübergehend höheren Ausgaben für zusätzliche Zell- und Gewebstherapien als Investition in eine bessere Heilung gerechtfertigt sein", schreibt Augstein.

Insbesondere für die schwierig zu behandelnden chronischen Wunden mit venöser und arterieller Ursache wären solche Therapien ein Hoffnungsschimmer.

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