Ärzte Zeitung, 11.11.2004

HINTERGRUND

Häufigste Ursache von Herzklappen-Erkrankungen sind inzwischen altersbedingte Veränderungen

Von Heinz Dieter Rödder

Eine künstliche Herzklappe hält besonders lange, erfordert aber, daß die Patienten eine lebenslange Gerinnungshemmung bekommen. Foto: dpa

Einen Herzklappenfehler haben in Deutschland etwa 200 000 Menschen, Tendenz steigend. Die Zahl der Herzklappen-Operationen ist in den letzten Jahren laufend gestiegen. 1990 waren deswegen 7400 Patienten operiert worden, im vergangenen Jahr waren es schon 16 800.

Hauptgrund für diese Zunahme ist: die Zahl der alten Menschen steigt, und mit höherem Alter steigt auch athero-sklerosebedingt die Zahl der Aortenklappen-Stenosen. Es gibt daher einen guten Grund für die Deutsche Herzstiftung, Herzklappenerkrankungen zum Thema für den Herzmonat November zu machen.

Häufigste Ursache von Herzklappenerkrankungen sind nicht mehr wie früher rheumatische Entzündungen, sondern Altersveränderungen etwa der Aortenklappe. Die Aortenklappenstenose ist in Deutschland bereits die dritthäufigste Herz-Kreislauferkrankung, nach Bluthochdruck und KHK. Und sie ist nach dem Bypaß der zweithäufigste Grund für eine Herz-Op. Eine mittelgradige bis schwere Aortenklappenstenose haben bis zu fünf Prozent der Menschen über 75 Jahre.

Die Verdachtsdiagnose bei Symptomen wie Brennen, Schmerzen oder Druckgefühl in der Brust, die nach der auskultatorischen Untersuchung gestellt wird, wird durch eine echokardiographische Untersuchung bestätigt.

Hat eine Herzklappe einen schweren Defekt, kann sie durch eine Operation eventuell wiederhergestellt oder ersetzt werden. Defekte Aortenklappen müssen fast immer ersetzt werden. Prinzipiell kommen dazu künstliche und biologische Herzklappen in Frage.

  Biologische oder künstliche Herzklappe?
Das ist nur individuell zu beantworten.

Was sind die jeweiligen Vorteile? Welche Herzklappe für welche Patienten?

Künstliche Klappen halten starken Belastungen auf Dauer stand. Allerdings können sich an ihrem körperfremden Material, speziellen Kunststoffen, Thromben bilden, die Patienten müssen dauernd gerinnungshemmende Medikamente einnehmen. Bei biologischen Klappen ist das Embolierisiko gering, doch diese Klappen aus Tier-Gewebe nutzen sich wie die natürlichen ab, sie halten nicht ein Leben lang.

Ob eine mechanische oder biologische Herzklappe eher geeignet ist, läßt sich nur individuell beantworten, berichten Professor Hellmut Oelert von der Uniklinik Mainz und Professor Thomas Meinertz vom Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Anhaltspunkte dazu geben zwei Studien aus den Jahren 2000 und 2003: Danach sind die Überlebensrate und die Raten für Endokarditis und Embolien bei künstlichen Herzklappen mit Gerinnungshemmung und bei Bioprothesen ohne Gerinnungshemmung gleich. Bei künstlichen Herzklappen steigt das Blutungsrisiko mit dem Alter. Patienten mit Bioprothesen müssen sich viel häufiger erneut operieren lassen.

Daraus leiten Kardiologen heute diese Empfehlungen ab: Bei Patienten unter 60 bis 65 Jahren werden vor allem künstliche Prothesen verwendet. Beim Ersatz einer Aortenklappe ab 60 Jahren und bei einer Mitralklappe ab 65 Jahren wird zu biologischen Herzklappen geraten. Patienten zwischen 60 und 65 Jahren, die wegen Vorhofflimmerns ohnehin Gerinnungshemmer einnehmen, wird zu einer Kunstklappe geraten.

Jeder Patient, dem eine künstliche Herzklappe eingesetzt wird, braucht lebenslange Gerinnungshemmung mit Vitamin-K-Antagonisten. In Deutschland wird dafür meist Phenprocoumon verwendet. Für die Einstellung der Gerinnungshemmung wird nicht mehr der Quick-Wert verwendet, sondern die International Ratio. Sie gibt an, um wieviel die Gerinnungszeit verlängert ist, bei 2,0 ist sie verdoppelt, bei 3,0 verdreifacht.

Alle Patienten haben nach einer Herzklappen-Op ein hohes Endokarditis-Risiko, bei der Komplikations- und Sterberaten hoch sind. Deshalb ist bei allen gefährdeten Patienten eine Endokarditis-Prophylaxe mit Antibiotika bei Eingriffen nötig, bei denen Bakterien ins Blut gelangen - also bei zahnärztlichen Eingriffen mit Zahnfleisch-Bluten, bei Tonsillektomie, bei Eingriffen im Bereich der Atemwege, im Speiseröhren-Magen-Darm-Bereich, im Blasen-, Harnwegs- und Genitaltrakt.

Wenn es zu einer Besiedelung der Herzklappen mit Bakterien gekommen ist, kommt es meist zu Fieber. Vier Schritte führen zur raschen Diagnose und optimalen Therapie bei bakterieller Endokarditis: Bei allen Patienten nach Herzoperationen, die Fieber entwickeln, sollte man immer an eine Endokarditis denken. Bei Fieber, das länger als drei Tage anhält, müssen Entzündungsmarker im Blut bestimmt werden. Wenn das C-reaktive Protein erhöht ist, sollten zwei Blutkulturen bestimmt werden. Wenn die Blutkulturen ein Bakterienwachstum zeigen, sollte der Patient in eine Klinik eingewiesen werden.

Das Service-Angebot der Herzstiftung

Die Deutsche Herzstiftung informiert in diesem Monat in Fortbildungsveranstaltungen, Seminaren, Vorträgen und Telefonsprechstunden über Methoden der Herzklappenchirurgie und des Klappenersatzes, über Gerinnungshemmung und Endokarditis-Vorsorge. Im Internet können unter www.herzstiftung.de die Veranstaltungstermine abgerufen werden. Zudem bietet die Stiftung umfangreiches Informationsmaterial an. Auch ein Merkblatt zur Endokarditis-Prophylaxe gibt es kostenlos bei: Deutsche Herzstiftung Vogtstr. 50, 60322 Frankfurt am Main, Tel.: 069/95 51 28-0, Fax: 069 95 51 28-313, oder per E-Mail an: info@herzstiftung.de

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