Ärzte Zeitung, 09.01.2007

Drei Muskeltricks gegen Ohnmacht

Wirksamkeit des isometrischen Gegendrucks wurde erstmals in einer randomisierten kontrollierten Studie belegt

AMSTERDAM (ars). Menschen mit vasovagalen Ohnmachtsanfällen wirft es oft aus ganz banalen Anlässen um: beim Anblick einer krabbelnden Spinne, beim Pikser einer Impfnadel, beim Warten an der Kasse oder nach dem Joggen. Mit einfachen Übungen können sie das Umkippen verhindern: Sobald sie erste Anzeichen spüren, sollten sie Arm- oder Beinmuskeln anspannen.

Bei dieser isometrischen Übung werden die Beine gekreuzt sowie gleichzeitig Bein-, Bauch- und Gesäßmuskeln angespannt.
Fotos (3): ÄZ

Diese Übung war für die meisten Studien-Teilnehmer die Methode der Wahl: mit einer Hand die andere packen und kräftig in Gegenrichtung ziehen. Eine weitere Möglichkeit, um im Prodromal-Stadium einen Ohnmachtsanfall zu verhindern: einen Gegenstand fest mit der Hand zusammendrücken.

Die Wirksamkeit dieses alltagstauglichen Gegenmittels haben holländische Forscher erstmals in einer prospektiven randomisierten Studie nachgewiesen (JACC 48, 2006, 1652). Bei den 223 Teilnehmern, davon zwei Drittel Frauen, traten seit durchschnittlich sieben Jahren immer mal wieder Ohnmachtsanfälle auf. Die Diagnose einer vasovagalen Synkope wurde mit dem Kipptisch-Test bestätigt. Nicht in die Studie aufgenommen wurden zum Beispiel Patienten mit KHK oder epileptischen Anfällen.

Dr. Nynke van Dijk und seine Kollegen aus Amsterdam unterwiesen ungefähr die Hälfte der Teilnehmer in speziellen isometrischen Übungen (Physical Counter Pressure Manoeuvres, PCM). Eine davon oder auch mehrere sollten sie in beliebiger Reihenfolge so lange und kräftig wie möglich machen:

  • mit einer Hand die andere packen und in Brusthöhe mit beiden Armen in die Gegenrichtung ziehen
  • einen Gummiball oder sonst einen geeigneten Gegenstand in die rechte Hand nehmen und drücken
  • im Stehen die Beine kreuzen und Bein-, Bauch- und Gesäßmuskeln anspannen.

Den Patienten der Kontrollgruppe erklärten die Wissenschaftler lediglich die Ursachen der gutartigen Störung, mahnten sie, Auslöser zu meiden, sich bei Prodromalsymptomen hinzulegen und genug zu trinken. Während der folgenden 14 Monate hatten 56 Patienten der Kontrollgruppe Synkopen (51 Prozent), aber nur 31 Patienten mit PCM (32 Prozent).

Insgesamt kam es bei ihnen 76 Mal zu einem Verlust des Bewusstseins, bei denjenigen, die nur allgemeine Ratschläge erhalten hatten, dagegen 142 Mal.

Das relative Risiko, dass es tatsächlich zu einer Synkope kommt, war bei den Patienten der Versuchsgruppe um 40 Prozent erniedrigt. Bis zum ersten Rezidiv dauerte es bei ihnen durchschnittlich 4,8 Monate, bei konventioneller Therapie jedoch 6,6. Gut ein Drittel der Patienten mit PCM bevorzugte das Anspannen der Arme, je etwa ein Viertel das Handdrücken und das Kreuzen der Beine. Die Übrigen kamen mit allen drei Übungen gleich gut zurecht.

Die Wirksamkeit der Methode erklären die Wissenschaftler damit, dass sie den Gefäßwiderstand erhöht und eine Kompression der Venen in Bauch und Beinen bewirkt.

STICHWORT

Vasovagale Synkopen

20 bis 50 Prozent der Bevölkerung, meist Frauen, haben im Lauf ihres Lebens mindestens eine Synkope. Am häufigsten sind vasovagale Ursachen: Durch Überwiegen des Vagus über den Sympathicus erweitern sich die Gefäße, Blutdruck und Herzfrequenz nehmen ab. Dadurch entsteht eine Minderdurchblutung im Gehirn.

Besonders junge Menschen und Sportler sind anfällig, Rezidive häufig. Bei zwei Drittel der Patienten kündigt sich der Bewusstseinsverlust mit Vorsymptomen an: Schwäche, Schwindel, Schwitzen, Sehstörungen oder Übelkeit.

Zur Abklärung dient der Kipptisch-Test. Durch Wechsel von einer Flachlagerung in eine um 60 bis 80 geneigte Position wird bei Patienten mit vasovagalen Synkopen eine kurze Ohnmacht provoziert.

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