Ärzte Zeitung, 05.12.2012

Grapefruit

Saft mit Wechselwirkung

Immer mehr Medikamente haben Wechselwirkungen mit Grapefruitsaft. Weil die Arzneien dadurch nicht metabolisiert werden, steigt die Gefahr von Überdosierungen. Vor allem alte Menschen sind gefährdet.

Von Peter Leiner

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Wirkstoffe aus Grapefruits können zusammen mit einigen Arzneimitteln gefährliche Wechselwirkungen auslösen. Mögliche Folgen sind Tachykardien, Rhabdomyolysen oder Nierenschäden. Patienten müssen das wissen.

© Kasia Bialasiewicz/Fotolia.com

LONDON/ONTARIO. Von mehr als 85 Arzneimitteln ist bekannt, dass sie mit Bestandteilen in Grapefruitsaft interagieren.

Bei 43 Präparaten kann es durch die Wechselwirkung zu schweren Nebenwirkungen kommen, berichten Dr. David G. Bailey von der University of Western Ontario und Kollegen; der kanadische Forscher hatte vor über zwei Dekaden solche Interaktionen entdeckt (CMAJ 2012; online 26. November).

Am besten dokumentiert ist, dass Inhaltsstoffe des Safts das Enzym Cytochrom P450 3A4 (CYP3A4) vor allem im Dünndarm hemmen. Metabolite von Furanokumarinen aus Grapefruits binden irreversibel an das Enzym und schränken so dessen Aktivität stark ein.

Dadurch werden manche Arzneimittel nicht mehr metabolisiert. Es kommt zu höheren Konzentrationen als beabsichtigt.

Betroffen sind nur orale Arzneien

Die betroffenen Arzneimittel werden alle durch CYP3A4 verstoffwechselt; weitere Kennzeichen sind eine orale Applikation und eine sehr niedrige (unter 10 Prozent) oder mittlere orale Bioverfügbarkeit (30 bis 70 Prozent).

In den meisten Fällen seien diese Angaben in den Fachinformationen enthalten, so die Forscher. Wechselwirkungen seien bereits durch einmal 200 ml Grapefruitsaft möglich. Je öfter der Saft getrunken wird, um so stärker ist die Interaktion.

Wird über sechs Tage dreimal täglich 250 ml Grapefruitsaft getrunken, dann ist die Bioverfügbarkeit einer einfachen Felodipindosis fünfmal höher als wenn nur Wasser getrunken wird. Patienten sind dadurch umso stärker gefährdet, je höher die CYP3A4-Konzentration im Dünndarm ist.

Am anfälligsten für die Interaktionen sind Patienten über 70, wie die Forscher herausgefunden haben. Bei diesen Patienten ist im Gegensatz zu jungen Patienten die Fähigkeit verringert, erhöhte Arzneimittelkonzentrationen zu kompensieren.

Möglich sind Rhythmusstörungen

Bailey und seine Kollegen erläutern das am Beispiel von Felodipin. Bei Älteren kommt es nach der Einnahme des Blutdrucksenkers mit Grapefruitsaft nicht wie bei jungen Patienten zu einem kompensatorischen Anstieg der Herzschlagfrequenz.

Ein Grund könne die aufgrund des Alters verringerte Sensitivität der Barorezeptoren sein.

Schwere Nebenwirkungen aufgrund der Wechselwirkung von Grapefruitsaft und Arzneien können zum Beispiel chaotische ventrikuläre Tachykardien (Torsade de pointes) etwa bei Therapie mit Amiodaron oder Tyrosinkinasehemmern sein, aber auch eine Rhabdomyolyse bei der Therapie mit manchen Statinen.

Auch zur Schädigung der Nieren kann es etwa bei Patienten kommen, die nach einer Transplantation Calcineurinhemmer zur Immunsuppression erhalten und reichlich Saft trinken.

Infos zu Arzneimittel-Wechselwirkungen unter www.drugs.com

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