Ärzte Zeitung online, 15.02.2013

Nahrungsergänzung

Zu viel Kalzium schadet dem Herzen

Je mehr, desto besser - dieses Motto scheint für Kalzium nicht zu gelten. Wer mehr als ein Gramm pro Tag in Pillen- oder Tablettenform zu sich nimmt, muss mit einem erhöhten Risiko für KHK und Herzinfarkt rechnen.

Zu viel Kalzium schadet dem Herzen

Supplemente: Die Dosis macht das Gift.

© Matthias Nordmeyer / fotolia.com

BETHESDA. Kalzium, das wird einem schon von klein auf eingetrichtert, ist wichtig für Knochen und Zähne, die Nerven brauchen das Mineral genauso wie die Muskeln, und ohne Kalzium könnten auch viele Enzyme und Hormone ihre Aufgaben nicht erledigen.

Kein Wunder also, dass viele Menschen glauben, sie tun sich etwas Gutes, wenn sie ihre Ernährung noch mit Kalziumpräparaten aus Apotheke und Drogerie aufpeppen.

In den USA greifen bereits 70 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer im Alter über 50 Jahren zu solchen Supplementen, Frauen häufig auch, um einer Osteoporose vorzubeugen.

Inzwischen mehren sich jedoch die Hinweise, dass zu viel Kalzium mehr schadet als nützt. Die Hinweise kommen vor allem aus randomisiert-kontrollierten Interventionsstudien, in denen Frauen gegen Osteoporose Kalziumpräparate erhielten.

In der WHI CaD Study* mit 36.000 Frauen stiegen bei Teilnehmerinnen, die zuvor keine Kalzium-Supplemente genommen hatten und nun mit 1 Gramm pro Tag behandelt wurden, die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle im Vergleich zu Placebo um bis zu 22 Prozent.

In einer Metaanalyse von acht kontrollierten Studien ließen sich für die Kalziumsupplementation sogar ein um 24 Prozent erhöhtes Herzinfarkt- und ein um 15 Prozent erhöhtes Schlaganfallrisiko errechnen.

20 Prozent mehr Herzinfarkt- und Schlaganfalltote

Nun legen US-Forscher aus Bethesda nach: Sie prüften den Zusammenhang mit tödlichen kardiovaskulären Ereignissen in einer großen, von der US-Gesundheitsbehörde NIH geförderten prospektiven Kohortenstudie.

Das Team um Dr. Qian Xiao wertete dazu Daten von knapp 390.000 US-Bürgern aus, die zu Beginn 50 bis 71 Jahren alt waren und detaillierte Angaben zu Essgewohnheiten, Medikamenten sowie Nahrungsergänzungsmitteln machten.

Im Schnitt wurden über zwölf Jahre hinweg Daten erhoben. In dieser Zeit kam es zu 7900 kardiovaskulär bedingten Todesfällen bei Männern und knapp 3900 bei Frauen (JAMA Intern Med 2013; online 4. Februar).

Wie die Epidemiologen um Xiao feststellten, war die Rate kardiovaskulär bedingter Todesfälle bei Männern mit einer Kalzium-Supplementation von über einem Gramm pro Tag um 20 Prozent höher als bei Männern ohne Kalziumpräparate.

Die Unterschiede ließen sich hauptsächlich auf eine erhöhte Rate von kardialen Ereignissen (plus 19 Prozent) zurückführen, die Rate von Schlaganfällen war um 14 Prozent erhöht, hier war die Differenz aber nicht signifikant.

Die Rate tödlicher Herz- und Hirninfarkte schien dabei bereits ab einer Dosis von 400 Milligramm pro Tag (mg/d) zu steigen. Interessanterweise gab es bei Frauen mit Kalzium-Supplementen keine signifikante Häufung tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse - ganz im Gegensatz zu den genannten Interventionsstudien.

Bei ihrer Berechnung hatten die Studienautoren um Xiao Faktoren wie Alter, BMI, Gesundheitsstatus, Bildung, Rauchen sowie Ernährungsgewohnheiten bereits berücksichtigt.

Auch wurden Teilnehmer ausgeschlossen, die zu Beginn chronische Erkrankungen hatten. Denn hier bestand die Gefahr, dass sie aufgrund bereits bestehender Krankheiten vermehrt zu Supplementen griffen, was das Ergebnis verfälscht hätte.

Schaute sich das Team um Xiao nun die Kalziumaufnahme aus der Nahrung an, so gab es keinen Zusammenhang zwischen Dosis und kardiovaskulär bedingter Todesrate.

Wurde hingegen die gesamte Kalziumaufnahme aus Nahrung plus Supplementen betrachtet, so zeigte sich eine J-förmige Kurve: Bis zu einer Tagesdosis von 1000 bis 1250 Milligramm sank das kardiovaskuläre Sterberisiko, danach stieg es deutlich an - allerdings wiederum nur bei Männern.

Bisher keine plausible Erklärung

Die Ergebnisse dieser und anderer Studien zur Sterberate bei Kalzium-Supplementation unter einen Hut zu bekommen, dürfte allerdings nicht leicht fallen.

Im Gegensatz zu den kontrollierten Interventionsstudien war die kardiovaskulär bedingte Sterberate in der aktuellen Analyse bei Frauen nicht erhöht, dafür aber bei Männern.

Da in den Interventionsstudien die erhöhte Mortalität nur bei Frauen zu beobachten war, die zuvor keine Supplemente genommen hatten und dann auf Kalziumpräparate eingestellt wurden, spekulieren Xiao und Mitarbeiter, dass der rasche Anstieg der Kalziumserumwerte vielleicht ein Problem ist.

Zudem könnten dauerhaft hohe Kalziumspiegel eine Ablagerung von Kalziumphosphat in Gefäßen begünstigen, was wiederum die Infarktgefahr steigern könnte. Dass zu viel Kalzium aber tatsächlich eine Gefäßverkalkung begünstigt, konnte bislang nicht nachgewiesen werden.

Bis die Frage nach den tatsächlichen Zusammenhängen geklärt ist, sollte man besser auf Kalzium aus der Nahrung vertrauen, schlägt in einem Kommentar zur Studie die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Susanna Larsson vom Karolinska-Institut in Stockholm vor (JAMA Intern Med 2013; online 4. Januar).

Eine kalziumreiche Ernährung mit viel Milchprodukten, Bohnen und Blattgemüse hat zudem jede Menge andere gesundheitsfördernde Mineralien und Vitamine, schreibt sie. Und die Gefahr einer Kalzium-Überdosis ist damit wohl eher gering. (mut)

* Women's Health Initiative Calcium/Vitamin D Supplementation

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Keine Angst vor Kalzium

[15.02.2013, 09:56:22]
Dr. Peter Prock 
Kalziumsupplementation und Herzgesundheit
Die Arbeit von Xiao et al. ist ein weiteres klares Indiz dafür, dass weniger vielfach mehr ist. Nährstoffe haben ihre primäre Bedeutung vor allem in einer optimalen Versorgung und sollen dort eingesetzt werden, wo die Versorgung suboptimal ist (obwohl die Klärung der Frage einer suboptimalen Versorgung zugegebenermassen vielfach nicht leicht zu beantworten ist).

Was bei den Schlagzeilen zu dieser Arbeit jedoch untergeht, ist die Tatsache, dass nur Männer von den negativen Effekten betroffen waren, und was nur kurz und klein in der Diskussion steht, ist, dass nur Raucher ein signifikant erhöhtes Risiko hatten (Current Smokers RR = 1.33; Never Smokers RR = 1.04; Former Smokers RR = 1.17).

Ein ganz grosser Mangel dieser Arbeit ist, dass die Vitamin D-Versorgung überhaupt nicht untersucht wurde (das wird ebenfalls in der Diskussion zugegeben). Das dürfte eigentlich bei solch einer hochkarätigen Studie nicht passieren und warum es trotzdem passiert, das ist ein Rätsel (generell kann man hier anmerken, dass viele Studien mit Nährstoffpräparaten grobe Fehler im Design aufweisen und Schlüsse gezogen werden, die man streng genommen nicht ziehen darf).

Vorsicht bei Megadosen von Nährstoffen ist auf jeden Fall angebracht. Ansonsten lässt uns auch diese Arbeit mit vielen offenen Fragen zurück.

Dr. Peter Prock, European Nutraceutical Association, www.enaonline.org  zum Beitrag »

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