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Ärzte Zeitung online, 21.03.2014

Wiederbelebung

Mehr Druck für die Reanimation

Menschen wiederzubeleben ist nicht jedermanns Sache - vor allem die Deutschen tun sich damit schwer. Für die Anästhesisten und Intensivmediziner ein Unding. Sie wollen an die Schulen - und verweisen auf grandiose Erfolge in anderen Ländern.

Mehr Druck für die Reanimation

Kommt in Deutschland im Notfall noch zu selten vor: Thoraxkompression.

© Ivan Ivanov / Gettyimages / iStock

WIESBADEN. Deutschlands Anästhesisten und Notfallmediziner machen Druck bei der kardiopulmonalen Wiederbelebung. Sie sehen deutliche Defizite bei der Laienreanimation, zugleich aber etliche Potenziale für Verbesserungen. Das wurde am Donnerstag auf dem 5. Interdisziplinären Notfallmedizinkongress DINK in Wiesbaden deutlich.

Nach Angaben von Professor Hugo van Aken ist Deutschland bei der Zahl der durch Laien reanimierten Patienten im internationalen Vergleich Schlusslicht. Die Inzidenz betrage hierzulande lediglich 22 Prozent, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und Klinikdirektor am Uniklinikum Münster. Dabei sei der Herzstillstand außerhalb der Klinik nach US-Daten jedoch die dritthäufigste Todesursache. In Deutschland könnte dies ähnlich sein.

Häufigste Barriere für Laienhelfer sei noch immer der Ekel vor der Mund-zu-Mund-Beatmung. Dabei, erinnerte van Aken, sei zunächst sie Herzdruckmassage entscheidend. In den ersten Minuten nach einer Kardioplegie ist die Sauerstoffsättigung im Blut bekanntlich noch ausreichend.

Ohnehin wird seit Jahren in der internationalen Fachwelt diskutiert, ob die Empfehlungen zur Beatmung während der Laienreanimation noch aufrecht erhalten werden müssen. Bislang wird in den einschlägigen Leitlinien noch dazu geraten. Experten messen der Mund-zu-Mund-Beatmung jedoch einen geringeren Stellenwert als der Thoraxkompression zu - mit Ausnahmen freilich bei Kleinkindern oder etwa Ertrinkungsunfällen.

Erfolge in Dänemark

Die deutschen Anästhesisten sind zudem längst ein Stück von den alten Empfehlungen abgerückt. In ihrer Kampagne "Ein Leben retten" fordern DGAI und der Berufsverband BDA die Laien prägnant auf: "Prüfen, Rufen, Drücken!" Der Fokus liegt also eindeutig auf der Thoraxkompression.

Anästhesist van Aken erinnerte an eine bemerkenswerte Publikation dänischer Kollegen aus dem vergangenen Jahr. Dort hatten die Forscher die Zahl der CPR-Bystander, also die Anzahl der Laienhelfer bezogen auf die Patienten mit einem Herzstillstand, für die Jahre 2001 bis 2010 analysiert (JAMA 2013; 310(13): 1377-1384).

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Dänemark inmitten der Periode, im Jahr 2005, Laienreanimation als verpflichtendes Training an den Schulen im Land eingeführt hatte. Und das zeigte deutlich Wirkung: War im Jahr 2001 nur rund jeder fünfte Patient mit einem Herzstillstand von Laien reanimiert worden (21,1 Prozent), war es im Jahr 2010 bereits fast jeder Zweite (44,9 Prozent).

Ganz entscheidend verbessert hat das auch das Überleben der Patienten: die Anzahl jener, die das Krankenhaus noch lebend nach einem Herzstillstand erreichten, war von 7,9 auf stattliche 21,8 Prozent gestiegen. Entsprechend deutlich hat sich auch das Einjahresüberleben verbessert: von 2,9 auf 10,2 Prozent.

Für van Aken war die Einführung der Trainingspflicht in den dänischen Schulen deswegen ein voller Erfolg. Nur: "Warum ist das in Deutschland nicht verpflichtend?", fragte er, um gleich die Antwort darauf zu liefern. Baden-Württemberg will nach seinen Worten bereits ab dem nächsten Schuljahr Schüler in der Laienreanimation unterrichten.

Gemeinsam mit dem Roten Kreuz sollen die Kinder an den rund 4000 Schulen im Ländle in zwei Pflichtstunden in Wiederbelebung trainiert werden. Auch mit der Kultusministerkonferenz sei man im Gespräch, eine flächendeckende Lösung zu finden, so van Aken. Ähnliche Bestrebungen gebe es in Diskussionen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Weltrekord in Münster

In einzelnen Regionen Deutschlands gibt es bereits heute ähnliche Projekte wie in Dänemark. Eine Kongressteilnehmerin berichtete aus Aachen. Dort können Viertklässler regelmäßig Reanimationstrainings an den Schulen erhalten. "Die vierte Klasse funktioniert, die dritte nicht", sagte sie mit Blick auf das nötige Verständnis der Kinder für das Problem Herzstillstand. Auch das Pubertätsalter sei nicht ideal.

Professor Bernd Böttiger vom Uniklinikum Köln pflichtete ihr bei: "Es sollte vor der Pubertät sein." Die nötige Muskelkraft hätten die Kinder erst ab dem zwölften Lebensjahr, gab er zu Bedenken. Böttiger verwies zudem auf das Curriculum des German Resuscitation Council (GRC) für den Reanimationsunterricht an Schulen. Anhand dieser Konsensempfehlung können sich Ärzte und Hilfskräfte orientieren, wenn sie mit Schülern und Kindern Wiederbelebungsmaßnahmen trainieren wollen (http://goo.gl/dG83uA).

Ein anderes nicht ganz unspektakuläres Projekt hatte es im vergangenen Jahr sogar ins "Guinness Buch der Rekorde" geschafft: Während der "Woche der Wiederbelebung" Ende September übten in Münster 12.000 Schüler gleichzeitig die Reanimation.

Ob das Projekt auch nachweislich Erfolge für die Patienten hat, wird man in der nächsten Zeit sehen. Fünf Kliniken in Münster sowie die dortige Berufsfeuerwehr nehmen seit 2007 am Deutschen Reanimationsregister teil, aus dem entsprechende Auswertungen gezogen werden können.

Vor der "Woche der Wiederbelebung" im vergangenen Jahr hatten zudem Epidemiologen der dortigen Uniklinik 1000 Münsteraner repräsentativ befragen lassen, was sie etwa über die Reanimation wissen. Nach der Woche gab es eine weitere Befragung. Die Ergebnisse sollen bald vorliegen. Dr. Andreas Bohn, ärztlicher Leiter bei der Berufsfeuerwehr Münster, gab bereits einen kleinen Wink: "Da ist was zu sehen, es scheint Effekte zu geben." (nös)

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