"Wähle mit Bedacht"

Internisten nehmen US-Kampagne auf

Eine Initiative von US-amerikanischen Ärzten erreicht jetzt auch Deutschland - und wird zu einem Schwerpunktthema des Internistenkongresses im April.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Antibiotikum aufs Rezept – oder nicht? Bei unkomplizierter Sinusitis etwa ist die Frage berechtigt.

Antibiotikum aufs Rezept – oder nicht? Bei unkomplizierter Sinusitis etwa ist die Frage berechtigt.

© johannesspreter / fotolia.com

MANNHEIM. Die Kampagne hat in den USA und in der internationalen Fachpresse bereits für viel Aufmerksamkeit gesorgt, jetzt hebt auch der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) das Thema ganz oben auf seine Agenda.

"Choosing Wisely", die überlegte Auswahl diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen und das Vermeiden unnötiger Leistungen in der Medizin wird ein Schwerpunktthema des 121. Internistenkongresses in Mannheim.

Zu viel werde getan, was unnötig sei, große Ressourcen verbrauche und was im schlechtesten Fall schaden könne - dies konstatieren nicht nur Fachorganisationen in den USA, sondern in vielen Industrienationen, wie ein Blick in die Datenbank Pubmed beweist.

Seit 2012, dem Jahr des Starts der Kampagne in den USA auf Initiative der American Board of Internal Medicine Foundation (ABIM), haben sich hunderte Autoren dies und jenseits des Atlantiks mit dem Thema befasst.

Unnötige Medikation verhindern

Auch in Deutschland fällt es trotz ungezählter Diskussionen schwer, unnötige Antibiotikabehandlungen zu unterlassen oder auf Bildgebung bei Kreuzschmerzen zu verzichten.

Nun wird eine Task Force der DGIM unter Leitung des Göttinger Internisten Professor Gerd Hasenfuß den Ursachen auf den Grund gehen.

Bereits im Vorfeld des Kongresses war Professor Michael Hallek aus Köln, Vorstandsvorsitzender der DGIM, möglichen Kritikern begegnet, die hinter solchen Maßnahmen eine versteckte Rationierung in der Gesundheitsfürsorge vermuten könnten.

"Im Gegenteil: Es geht darum, unnötige Maßnahmen einzusparen, ohne die Qualität der Versorgung zu beeinträchtigen", so Hallek in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (DMW 2014; 139:1975).

In der Tat war die Kampagne in den USA zwar überwiegend positiv kommuniziert worden, aber nicht frei von Kontroversen.

So wiesen Notfallmediziner darauf hin, dass der Verzicht auf potenziell unnötige Untersuchungen dazu führen könnte, dass Diagnosen übersehen würden.

Angesichts der rechtlichen Situation in den USA sei so etwas nur möglich, wenn sich auch die haftungsrechtlichen Rahmenbedingungen änderten.

Andere Kritiker monierten, einige medizinische Fachgesellschaften in den USA machten es sich zu leicht und gingen in ihren Empfehlungen nicht weit genug.

Fünf unnötige diagnostische Tests

Mehr als 60 dieser Fachgesellschaften haben inzwischen Listen mit jeweils mindestens fünf unnötigen diagnostischen Tests, Interventionen oder Behandlungsmaßnahmen veröffentlicht (www.choosingwisely.org), unterlegt mit entsprechender Literatur - darunter übrigens auch die Notfallmediziner.

So wird Augenärzten geraten: "Veranlassen Sie keine routinemäßige Bildgebung bei Patienten ohne Symptome oder Zeichen einer signifikanten Augenerkrankung!"

Das American College of Physicians empfiehlt: "Keine Hirnbildgebung bei einfacher Synkope und unauffälligem neurologischen Untersuchungsbefund!"

Die Geriater weisen darauf hin, dass Antipsychotika nicht die erste Wahl seien zur Behandlung bei Verhaltensstörungen oder psychologischen Zeichen einer Demenz.

Und immer wieder wird vor übermäßigem Antibiotikagebrauch gewarnt, etwa bei unkomplizierter Sinusitis. Patienten werden mit separaten Listen ebenfalls angesprochen.

Die amerikanische Initiative sei nicht in allen Fällen auf die europäischen oder deutschen Verhältnisse übertragbar, betont Hallek in der DMW.

Dennoch besteht nach Meinung des DGIM-Vorstandes auch hierzulande ein "enormes Potenzial für sinnvolle Einsparungen". Hallek: "Die DGIM hat sich daher vorgenommen, auch in Deutschland für diesen Themenkomplex zu sensibilisieren."

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Ausgewählte Best-of-Abstracts

Melanome – ein Risikoscore für die Immuntherapie

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Das könnte Sie auch interessieren
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Junge mit Druckverband um den Kopf

© Simon Coste / stock.adobe.com

Wohl mehr Schaden als Nutzen

Kopfverband nach Mittelohr-Operation: Braucht es das wirklich?

Ein älterer Mann muss stark husten und hält eine Hand auf seine Brust.

© Getty Images

Infektionsmanagement

Keuchhusten: Was bei der Behandlung Erwachsener wichtig ist