Ärzte Zeitung, 22.07.2016

Herzkreislaufrisiko

Studie gibt Entwarnung für SSRI

Die Einnahme von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern scheint nicht mit dem Auftreten von Arrhythmien, Herzinfarkten oder Schlaganfällen assoziiert zu sein.

Von Dagmar Kraus

Studie gibt Entwarnung für SSRI

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NOTTINGHAM.Antidepressiva gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten weltweit, allen voran die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Schon länger schwelt nun der Verdacht, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer das Herzkreislaufrisiko steigern können und unter der Therapie vermehrt Arrhythmien, Herzinfarkte oder Schlaganfälle auftreten.

So sprach die FDA im Jahre 2011 die Empfehlung aus, Citalopram bis maximal 40 mg pro Tag zu dosieren, um eine QT-Zeit-Verlängerung, die sich in einer Studie bei höheren Dosierungen einstellte, zu vermeiden. Ähnlich äußerte sich auch die European Medicine Agency. Die Datenlage ist jedoch nicht einheitlich und Untersuchungen an jüngeren Patienten gibt es kaum.

Carol Coupland von der Universität in Nottingham und ihre Kollegen haben nun nach einem möglichen Zusammenhang speziell bei Jüngeren gefahndet (BMJ 2016; 352: i1350).

Sie haben bei insgesamt 238.963 Patienten, die zwischen 20 und 64 Jahre alt waren und bei denen zwischen Januar 2000 und Juli 2011 eine Depression diagnostiziert wurde, nachgehalten, wie viele innerhalb von median fünf Jahren einen Myokardinfarkt oder einen Insult beziehungsweise eine transiente ischämische Attacke (TIA) erlitten und wie viele wegen Herzrhythmusstörungen behandelt werden mussten.

Dabei betrachteten sie die verschiedenen Antidepressivagruppen gesondert und differenzierten nach Dosis und Therapiedauer. Die Patientendaten stammten aus der QResearch-Datenbank. Einer Datenbank, an der über 600 Allgemeinmediziner aus ganz Großbritannien mitwirken und in der die Gesundheitsdaten von mehr als zwölf Millionen Patienten gelistet sind.

Risiko verändert sich mit der Zeit

Im Untersuchungszeitraum hatten die behandelten Ärzte 3.337.336 Rezepte für Antidepressiva ausgestellt. Am häufigsten verschrieben wurden SSRI mit einem Anteil von 71,3 Prozent, gefolgt von trizyklischen und strukturverwandten Antidepressiva (16,0 Prozent) und "sonstige antidepressiv wirksame Substanzen" (12,7 Prozent).

Einen verschwindend geringen Anteil (0,05 Prozent) mit nur 1791 Verschreibungen machten die Monoaminooxidasehemmer aus. In dem Untersuchungszeitraum hatten 772 Patienten einen Myokardinfarkt erlitten, 1106 einen Schlaganfall beziehungsweise eine TIA und 1452 Patienten mussten wegen Herzrhythmusstörungen behandelt werden.

Mit Blick auf den gesamten Untersuchungszeitraum konnten die Mediziner keinen signifikanten Zusammenhang zwischen den verschiedenen Wirkstoffklassen und den untersuchten Herzkreislauferkrankungen feststellen. Es gab aber wirkstoffspezifische Unterschiede bezogen auf verschiedene Zeiträume: Das Herzinfarktrisiko etwa war im ersten Jahr unter SSRI-Einnahme (Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin) im Vergleich zu keiner Medikamenteneinnahme fast um die Hälfte niedriger (HR 0,58, 95%-KI 0,42-0,79). Unter dem Trizyklikum Lofepramin hingegen lag im ersten Behandlungsjahr das Herzinfarktrisiko dreimal höher (adj. HR 3,07; 95%-KI 1,50-6,26).

Ein doppelt so hohes Schlaganfallrisiko fand sich in der Gruppe der "sonstigen Wirkstoffe" in den ersten 28 Tagen der Einnahme (adj. HR 2,72; 95%-KI 1,45-5,08). Ebenfalls erhöht war die Insult/TIA-Rate 85 bis 182 Tage nach Absetzen "trizyklischer und verwandter Antidepressiva" (adj. HR 1,82; 95%-KI 1,21-2,74).

Kardioprotektiver Effekt von SSRI?

Bei Einnahme trizyklischer und strukturverwandter Antidepressiva lag zudem das Arrhythmierisiko in den ersten 28 Tagen nach Behandlungsbeginn beinahe doppelt so hoch (adj HR 1,99; 95%-KI 1,27-3,13) wie ohne Medikament. Mit dem SSRI Fluoxetin hingegen verringerte sich das Risiko, innerhalb des Untersuchungszeitraums Herzrhythmusstörungen zu entwickeln, signifikant (adj. HR 0,74, 95%-KI 0,59-0,92). Unter Citalopram ließ sich keine signifikante Risikoerhöhung erkennen, auch nicht bei Dosierungen über 40 mg pro Tag (adj. HR 1,11; 95%-KI 0,72-1,71).

Als wichtigstes Ergebnis der Studie werten Coupland und ihre Kollegen, dass SSRI offenbar bei jüngeren Patienten weder das Herzinfarkt- noch das Schlaganfall- oder Arrhythmierisiko erhöht.

Vielmehr fanden sich Hinweise, dass mit SSRI-Einnahme das Herzinfarkt- und Arrhythmierisiko sinkt, vor allem unter Fluoxetin. Inwiefern von den SSRI aber tatsächlich ein kardioprotektiver Effekt ausgehe, müsse erst eingehend überprüft werden, so die Studienautoren.

Für Citalopram habe sich im Gegensatz zu früheren Erhebungen kein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen nachweisen lassen, betonen die Mediziner, räumen aber gleichzeitig das weite Konfidenzintervall sowie die geringe Patientenzahl ein.

Citalopram dürfe daher nur bei strenger Indikationsstellung verschrieben werden. Als besonders wichtig beurteilen Coupland und ihre Kollegen auch das im Vergleich zu allen anderen antidepressiv wirksamen Substanzen deutlich höhere Herzkreislaufrisiko unter Lofepramin.

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