Ärzte Zeitung, 25.06.2009

Wann hat ein Kind eigentlich zu hohen Blutdruck?

US-Empfehlungen veröffentlicht / Deutscher Experte kritisiert Grenzwerte

OHIO/ERLANGEN (nke). Eine vereinfachte Tabelle zur Hypertonie-Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen haben jetzt US-Pädiater vorgestellt. Damit solle es besser als bisher gelingen, Kinder und Jugendliche mit Bluthochdruck früh zu erkennen. Professor Wolfgang Rascher von der Universität Erlangen-Nürnberg hält die angegebenen Referenzwerte allerdings für problematisch.

Wann hat ein Kind eigentlich zu hohen Blutdruck?

Blutdruckmessung bei einem Mädchen. Der Trend geht auch hier wie bei Erwachsenen zu einer 24-Stunden-Messung.

Foto: sko

Die Tabelle stammt von der Arbeitsgruppe um Dr. David C. Kaelber von der Case Western Reserve University in Ohio (Pediatrics 123, 2009, e972). "Wenn Sie die US-Werte verwenden, haben 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen einen hohen Blutdruck", kritisiert Rascher, Direktor der Kinder- und Jugendklinik.

Genaue epidemiologische Daten zum Blutdruck liegen in Deutschland vom Kinder- und Gesundheitssurvey (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts vor. Danach liegt bei Mädchen im Alter von 14 Jahren die 75. Perzentile bei einem systolischen Wert von 120 mmHg. In der US-Tabelle ist für 14-jährige Mädchen 119/77 mmHg als Grenzwert angegeben. "Demnach wären 25 Prozent der deutschen Mädchen hyperton. Das kann nicht sein", so Rascher zur "Ärzte Zeitung".

Die Deutsche Hochdruckliga zieht die Grenze zum Hochdruck bei 125/80 mmHg für 12-Jährige, bei 135/85 mmHg für 16-Jährige und bei 140/90 mmHg für über 18-Jährige. Diese Werte liegen über den von den US-Ärzten empfohlenen Grenzwerten in Höhe von 120/78 für 16-Jährige und 120/80 für über 18-Jährige.

Dass in Deutschland Kinder mit Bluthochdruck aufgrund der höheren Grenzwerte übersehen werden könnten, befürchtet Rascher nicht. Eher falle das Ergebnis der Blutdruckmessung beim Arzt häufig zu hoch aus: "Deshalb ist es wichtig, dass man an drei Tagen misst. Erst wenn bei allen Messungen die Grenze überschritten ist, sollen Maßnahmen folgen. Die Tendenz geht in der Pädiatrie dahin, 24 Stunden Blutdruck zu messen, bevor man therapiert." Europäische Empfehlungen zu Blutdruck bei Kindern und Jugendlichen sollen bald im "Journal of Hypertension" publiziert werden.

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