Ärzte Zeitung, 20.01.2010

Ursachentherapie statt Reparaturmedizin

Gewichtsreduktion, gesündere Ernährung, regelmäßige Bewegung - neu ist das Konzept von Dr. Lothar Rokitzki nicht. Aber es funktioniert - durch eine aufwendige Individualbetreuung.

Von Ingeborg Bördlein

Ursachentherapie statt Reparaturmedizin

Prävention durch Sport - Patienten des Heppenheimer Kardiologen bemühen sich, das unbequeme Konzept ihres Arztes umzusetzen.

"Ich schwimme gegen den Strom", sagt der Heppenheimer Kardiologe Dr. Lothar Rokitzki. "Ich mache keine Reparaturmedizin, sondern setze an den Krankheitsursachen an." Es gelte heute zwar als altmodisch, den Schwerpunkt auf die konservative Medizin zu setzen, diese sei aber nicht weniger erfolgreich als die interventionelle kardiologische Therapie. Das bedeutet für Rokitzki vor allem Gewichtsreduktion und Sport. Wer diesen unbequemen Weg mitgehe, komme "meist gut raus". Das heißt: Oft wird eine apparative Gefäßintervention, etwa eine Stent- oder Bypassversorgung, sogar überflüssig und die Medikamentenpalette kann reduziert werden.

Ursachentherapie statt Reparaturmedizin

Dr. Lothar Rokitzki in seinen Räumen. © (2 Fotos) privat

In die Praxis des Kardiologen kommen in der Regel von Hausärzten überwiesene Patienten mit den üblichen Herz-Kreislauf-Symptomen wie Luftnot, unklarem Brustschmerz, hohem Blutdruck, Herzgeräuschen, EKG-Veränderungen, Diabetes. "Die Patienten bekommen von mir kein Rezept mit einer Latte von Medikamenten in die Hand gedrückt", so Rokitzki. Vielmehr sagt er den Übergewichtigen klipp und klar, dass sie ihr Gewicht reduzieren und Sport treiben müssen, um einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu erzielen.

Programm zu Ernährung und Sport gibt es individuell

"Manche wollen das Ganze überdenken, kommen dann aber nie wieder", sagt der Kardiologe, der auch diplomierter Sportlehrer und Sportmediziner ist und sich zusätzlich als Ernährungsmediziner qualifiziert hat. Doch wer bleibt, dem bietet er ein individuell zugeschnittenes Ernährungs- und Sportprogramm an. Bei Bedarf arbeitet er zwar mit einem Psychologen und einer Ernährungsberaterin zusammen, doch ist es ihm ein Anliegen, sich selbst um seine Patienten zu kümmern.

Pauschale Ernährungsempfehlungen erhalten sie von ihm nicht. "Dass die Mittelmeerkost gesund ist und mehr Fisch auf den Tisch kommen sollte, wissen die meisten sowieso, aber mit der Umsetzung hapert es." Vielmehr macht er den Patienten mit einfachen Worten klar, worum es geht: "Um abzuspecken, muss ich mehr Energie verbrauchen, als ich aufnehme." 400 Kilokalorien pro Tag weniger seien ausreichend, um im Monat ein Kilo Fett zu verlieren. Allerdings müsse die Betreuung sehr individuell erfolgen, sonst funktioniere es nicht, sagt Rokitzki.

Daher berechnet er nach einer ausführlichen Information über das Programm den persönlichen Energieverbrauch mittels Spiroergometrie oder einer Formel. Ebenfalls werden Körpergewicht und Körperzusammensetzung, also Fett- und Muskelmasse, bestimmt. Außerdem führt jeder Patient vor und mehrfach während des Kurses über sieben Tage ein Ernährungsprotokoll, um die persönliche Energie- und Nährstoffzufuhr zu ermitteln. Punkt für Punkt werden die Essgewohnheiten mit Hilfe des Ernährungsprotokolls durchgesprochen und einzeln "korrigiert". Wird viel Weißbrot konsumiert, wird auf Vollkornbrot verwiesen, taucht Gemüse selten auf, wird dazu angeregt, mehr Gemüse zu essen. Schrittweise soll die Umstellung hin zu einer mediterranen oder asiatischen Ernährungsweise erfolgen, so Rokitzki.

Das Abspeckprogramm über sechs Monate mit monatlichen Einzelberatungen kostet als IGeL 250 Euro und wird in der Regel zu 80 Prozent von den Kassen übernommen. Aufwendig und manchmal mühselig sei die Individualbetreuung schon, sagt Rokitzki, doch der Erfolg sei größer und damit auch befriedigender für den behandelnden Arzt.

Idealerweise absolvieren die Patienten parallel zum Ernährungskurs einen Bewegungskurs. Mindestens zweimal wöchentlich soll eine Stunde trainiert werden. Dieses IGeL-Angebot wird von den Kassen ebenfalls bezuschusst. Für einen 3-monatigen Kurs werden 130 Euro berechnet, wovon die Krankenkasse nach § 20 SGB V wieder 80 Prozent erstattet.

Im Trainingsraum, der im neben der Praxis angesiedelten Institut für Sportmedizin, Prävention und Rehabilitation liegt, stehen vor allem Fahrradergometer, Crosstrainer und Laufbänder. Während des Trainings werden die Patienten kontinuierlich kardiologisch überwacht. Ihr Puls wird über eine Pulsuhr aufgezeichnet und telemetrisch erfolgt eine EKG-Aufzeichnung, die der Kardiologe sofort auswertet. Auch da ist Rokitzki altmodisch: Er verlässt sich nicht auf die Geräte, sondern überwacht das Training zusammen mit den Praxismitarbeiterinnen selbst.

Vorsorge wird zu wenig gefördert, kritisiert der Arzt

Während der Trainingszeiten ist seine Praxis geschlossen. Die Anwesenheit des "Doktors" gebe den Patienten mehr Sicherheit und sie treten mutiger in die Pedale. Selbst Patienten mit Zustand nach Myokarditis, massiver koronarer Herzkrankheit oder einer schweren Herzinsuffizienz seien gut trainierbar, sagt Rokitzki.

Die Prävention liegt ihm besonders am Herzen. In unserem Gesundheitssystem werde Vorsorge zu wenig gefördert, ist Rokitzki überzeugt. Das Bewusstsein hierfür sei in Deutschland völlig unterentwickelt. Daher bietet er Präventionssportkurse an.

Zu den regelmäßigen Informationsveranstaltungen kommen meist 20 Leute. Etwa ein Fünftel von ihnen kann er von der Notwendigkeit der Bewegung und einer gesunden Ernährung überzeugen. Vier Fünftel gehen nach Hause und leben weiter wie bisher. Die kommen dann irgendwann als Patienten wieder.

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