Ärzte Zeitung, 26.05.2015

Blutdrucksenkung bei Senioren

Von wegen höhere Sturzgefahr

Eine blutdrucksenkende Therapie könnte bei Senioren das Risiko erhöhen, dass sie stürzen, dachte man bislang. Jetzt hat eine US-Studie keinen Hinweis darauf gefunden - ganz im Gegenteil.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Von wegen höhere Sturzgefahr

Gute Blutdruckkontrolle scheint nicht mit höherem Sturzrisiko durch Antihypertensiva erkauft.

© Miriam Dörr / fotolia.com

BOSTON. Wie beeinflusst eine antihypertensive Therapie das Sturzrisiko bei alten Menschen? Um diese Frage zu klären, wurden Daten der prospektiven Beobachtungsstudie MOBILIZE Boston Study analysiert (Maintenance of Balance, Independent Living, Intellect, and Zest in the Elderly).

Teilnehmer waren 598 noch zu Hause wohnende 70- bis 97-Jährige mit Bluthochdruck (über 140/90 mmHg). Über ein Jahr lang waren bei ihnen alle Stürze aufgezeichnet worden.

Dabei wurde unterschieden zwischen Stürzen im und außer Haus sowie mit und ohne Verletzung (Hypertension 2015; online 4. Mai).

Insgesamt gab es in diesem einen Jahr 541 Stürze. Bei 45 Prozent der Teilnehmer wurde mindestens ein Sturz aufgezeichnet, das Maximum an Stürzen pro Person lag bei 17.

21 Prozent der Studienteilnehmer fielen im Haus, 14 Prozent außerhalb des Hauses und 7 Prozent sowohl im Haus als auch draußen.

27 Prozent aller Studienteilnehmer erlitten im Beobachtungszeitraum bei einem Sturz Verletzungen. Auf die Sturzpatienten bezogen, verletzten sich 164 von 267 Patienten bei wenigstens einem Sturz.

Zerebraler Blutfluss verringert

In der allgemeinen Analyse zeigte sich erwartungsgemäß, dass alte Menschen, die stürzen, häufiger psychotrope Medikamente einnehmen sowie mehr Komorbiditäten haben. Auch hatten Menschen, die einmal gestürzt sind, ein höheres Risiko für erneute Stürze.

Sturzpatienten hatten zudem einen signifikant geringeren zerebralen Blutfluss. Dieser Parameter wurde per transkraniellem Doppler bei einer Subgruppe von 313 Probanden erfasst.

Keinen Zusammenhang gab es zwischen Stürzen und Antihypertensiva. Zwar hatten Patienten, die Antihypertensiva einnehmen, einen niedrigeren Blutdruck, mehr Komorbiditäten und öfter Diabetes. Trotzdem unterschied sich die Sturzrate nicht von jener bei Probanden ohne Antihypertensiva.

In der Detailanalyse war die Einnahme von ACE-Hemmern mit einem signifikant niedrigeren Risiko von Stürzen mit Verletzungsfolge assoziiert (RR 0,62). Kalziumantagonisten waren mit einem geringeren Sturzrisiko allgemein (RR 0,62) und im Haus (RR 0,57) assoziiert.

In beiden Fällen sank das Sturzrisiko mit steigender Dosierung. Probanden, die Kalziumantagonisten einnahmen, hatten zudem einen signifikant höheren zerebralen Blutfluss.

Vorsichtige Interpretation

Die Autoren interpretieren ihre Ergebnisse vorsichtig: Eine antihypertensive Behandlung scheine zumindest kein starker Risikofaktor für Stürze zu sein.

Sie verweisen auf eine Studie von 2013, bei der RAAS-Hemmstoffe ebenfalls mit einem geringeren Sturzrisiko assoziiert waren (J Am Geriatr Soc. 2013; 61: 776).

Bei den Kalziumantagonisten komme der höhere zerebrale Blutfluss als Mechanismus in Frage, mit dem sturzprotektive Effekte einer derartigen Therapie erklärbar wären.

Zu den Stärken der Studie zählt, dass sie populationsbasiert ist, also nicht nur streng ausgewählte Probanden berücksichtigt hat. Es gibt allerdings auch Studien mit gegensätzlichem Ergebnis.

Eines der Probleme des gewählten Beobachtungsdesigns ist, dass es schwierig ist, den Bias auszugleichen, der dadurch entsteht, dass Patienten mit ohnehin höherem Sturzrisiko von den Ärzten eher weniger antihypertensive Medikamente verschrieben bekommen.

[26.05.2015, 17:09:01]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Die "Epidemiologie" kann die Kausalität NICHT ersetzen.
Meine Erfahrung als Chirurg ist gerade eine Häufung von Sturz mit SH-Frakturen bei der Kombination (unbehandelte) Anämie + Hyponatriämie DURCH "cardiale" Therapie. Hier speziell die ungünstige häufige Kombination mit Diuretika.
Der mit Abstand interessanteste harte Fakt für Kausalität dieser Studie ist daher die zerebrale Durchblutung.
Ist sie vermindert, erhöht sich das Sturzrisiko und nicht nur das. Und hier gibt es bei alten Menschen den uralten Begriff des "Erfordernis-Hochdrucks" für das Gehirn. Also ein sehr individuelles Risiko, das auch bei einer großen Zahl statistisch berücksichtigt werden muss, was ich in dieser Kurfassung der Analyse nicht wirklich erkennen kann.
Eine antihypertensive Therapie, welche auch immer, darf also nicht zur cerbralen Minderdurchblutung führen.
Das "Herz" hat hier vor dem "Hirn" zurückzustehen. zum Beitrag »
[26.05.2015, 16:45:15]
Dr. Andreas Rahn 
antihypertensive Therapie ohne Erhöhung des Sturzrisikos möglich
Was kann uns diese Studie sagen?
Eine antihypertensive Therapie bei älteren Menschen scheint ohne Erhöhung des Sturzrisikos möglich - das entspricht geriatrischer Erfahrung.
Was kann uns diese Studie nicht sagen?
Die Studie kann keine Aussagen machen zu Dingen, die in ihr nicht untersucht worden sind: z.B. wie verhält sich das Sturzrisiko, wenn man die antihypertensive Therapie verändert? Was ist mit Alpha-Blockern?
Dass die Autoren die Ergebnisse der Studie vorsichtig interpretieren, spricht eindeutig für sie (z.B.: Stichwort: Bias).
Hoffentlich sind alle anderen Interpreteure genauso vorsichtig... zum Beitrag »
[26.05.2015, 13:13:21]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Zustimmung, Kollege Schätzler
Epidemiologen haben massive Schwierigkeiten zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. zum Beitrag »
[26.05.2015, 07:44:32]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Hypertonie, "Schlag"-Anfall und Sturzgefahr
Unkontrollierte Hypertonie und hypertensive Herzkrankheit e r h ö h e n das Risiko für Herz- und Hirninfarkte. Letztere werden auch als "Schlaganfall" bezeichnet. Der Volksmund sagt: "Mich trifft der Schlag" und meint damit ein überwiegend durch zerebrale Ischiämie bedingtes, haltloses Hinstürzen.

Schon allein deshalb bedeutet die adäquate Blutdrucksenkung eine Verringerung des Sturzrisikos. Eine iatrogene Hypotonie sollte man therapeutisch allerdings vermeiden und besser im Zielkorridor bis 140/90 RR bleiben. Der hämorrhagische Insult hat meist zusätzliche Ursachen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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