Ärzte Zeitung, 02.09.2015

Gefahr für Herz und Kreislauf

Sauber-Image von Kaffee gerät ins Wanken

Moderatem Kaffeekonsum werden diverse positive Gesundheitseffekte nachgesagt. Eine aktuelle Studie rüttelt jetzt kräftig an diesem Image.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Sauber-Image von Kaffee gerät ins Wanken

Kaffee ist vielleicht doch nicht so gut für die Gesundheit wie bislang gedacht.

© Okea / iStock / Thinkstock

LONDON. Wie wirkt sich Kaffeetrinken auf das kardiovaskuläre Risiko aus? Beeinflusst es den Blutdruck oder das Diabetes-Risiko? Das haben italienische Wissenschaftler untersucht. Für die Beobachtungsstudie werteten Kardiologen um Lucio Mos von der Kardiologischen Klinik des Krankenhauses San Daniele in Udine Daten von 1201 nicht diabetischen jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren aus.

Es handelte sich um Teilnehmer der prospektiven HARVEST-Studie, einer langjährigen italienischen Hypertoniekohorte, an der 17 Zentren beteiligt sind, wie Mos beim ESC-Kongress berichtet hat.

Alle Patienten dieser Auswertung hatten eine arterielle Hypertonie im Stadium I mit systolischen Blutdruckwerten zwischen 140 und 159 mmHg und/oder diastolischen Werten zwischen 90 und 99 mmHg und waren zu Studienbeginn medikamentös unbehandelt. Sie wurden für insgesamt 12 Jahre begleitet.

Junge Hypertoniker untersucht

26,3 Prozent der Studienteilnehmer tranken keinen Kaffee. 63,8 Prozent waren "moderate Trinker", definiert als eine bis drei Tassen pro Tag. 9,9 Prozent wurden mit mehr als drei Tassen pro Tag als starke Kaffeetrinker kategorisiert. Da die Studie in Italien stattfand, habe es sich bei den konsumierten Kaffeegetränken in erster Linie um Espresso gehandelt, betonte der Studienleiter.

Im Ergebnis fanden die Forscher einen linearen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Quote der Patienten mit therapiebedürftiger Hypertonie. Die abstinenten Patienten wurden zu knapp 60 Prozent therapiebedürftig, Patienten mit starkem Kaffeekonsum zu über 70 Prozent.

Das war nach Adjustierung für Alter und Geschlecht mit einer Hazard Ratio von 1,5 statistisch signifikant. Bei moderatem Kaffeekonsum gab es einen nicht signifikanten Trend zuungunsten der Kaffeetrinker. Auch das Prädiabetes-Risiko war erhöht, aber nur bei Patienten, die Koffein langsam metabolisieren, was am CYP1A2-Genotyp festgemacht wurde.

Daten kontrovers diskutiert

Die Italiener berechneten in einer multivariaten Analyse außerdem das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse, wobei insgesamt nur 60 Ereignisse in 12,5 Jahren auftraten. Bei moderatem Kaffeegenuss war das Risiko dreifach und bei starkem Kaffeegenuss vierfach erhöht.

 Wurden Hypertonie und Prädiabetes in die multivariate Analyse einbezogen, schmolz die Signifikanz dahin. Dies deute darauf hin, dass der Kaffeekonsum über den Umweg einer Blutdruckerhöhung oder der Begünstigung einer diabetischen Stoffwechsellage zum erhöhten kardiovaskulären Risiko führe, so Mos.

Die Daten wurden in London kontrovers diskutiert, weil sie im Widerspruch zu vielen anderen Studien stehen. So war Kaffeekonsum in einer Metanalyse dosisabhängig mit einer niedrigeren Gesamtmortalität und einer niedrigeren kardiovaskulären Mortalität assoziiert.

Allerdings beziehen sich die meisten Kaffeedaten auf gesunde Erwachsene, während an der jetzt vorgestellten Untersuchung ausschließlich junge Patienten mit leichter Hypertonie teilnahmen.

José González Juanatey, Präsident der Spanischen Gesellschaft für Kardiologie, wies daraufhin, dass eine arterielle Hypertonie bei jungen Menschen stark von einem überaktiven Sympathikus getrieben werde. Es sei denkbar, dass Koffein in dieser Konstellation den Sympathikus weiter antreibe und so den Blutdruck erhöhe.

Bewiesen ist das freilich nicht. Und so wurde dann auch Mos‘ Empfehlung, jungen Hypertonikern von starkem Kaffeekonsum abzuraten, vom Podium zum jetzigen Zeitpunkt und angesichts fehlender randomisierter Daten eher kritisch gesehen.

[02.09.2015, 12:06:14]
Dr. Horst Grünwoldt 
Hypertoner Kaffeegenuß
Als alter Genießer ohne Bluthochdruck-und Diabetes-Probleme, genehmige ich mir den morgendlichen Pott starken, schwarzen Mokka; und dazu zwei Stückchen braune Schokolade mit einem Butterkeks.
Erst nach dem Zeitungslesen geht es dann an das wunderbare, deutsche Frühstücksbuffet, auf dem die herrlichen Kochwürste (Leber- und Rotwurst) und das Roggenbrot nicht fehlen dürfen.
Als anregenden Durstlöscher dazu bevorzuge ich, auch den übrigen Tag, einen grünen oder schwarzen Tee in der Literkanne.
Schließlich ist Kaffee ein Röstprodukt für den Magen-Darm-Trakt, und der Tee wird nur fermentiert!
Dennoch, auch beim Abhängen auf der Terrasse vorm Backhus und der optischen Abnahme des menschlichen "Mode-Defilee´s" oder Gangart-Korsos von Jung und Alt auf der Kröpi in Rostock, gibt es am frühen Abend noch einen Cafe crema (frisch gemahlen und aufgebrüht), statt aus der Thermoskanne.
Je nach körperlicher Anstrengung im Tagesablauf gibt es zum Abendbrot ein Glas Apfelsaft oder Bier; zum warmen Dinner natürlich Wein und eine Karaffe Leitungswasser daneben. So läßts sich´s auch (gesund)leben...
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[02.09.2015, 11:29:30]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sauber-Image der HARVEST-Studie gerät ins Wanken!
Die Quelle der hier referierten Publikation ist:
ESC 2015 Abstract Long term cardiovascular and metabolic effects of coffee consumption in young hypertensive subjects: results from HARVEST study; L. Mos, O. Vriz, S. Martina, F. Saladini, C. Fania, G. Caravelli, M. Ruscio, E. Casiglia, P. Palatini - leider gibt es noch keinen Internet-Link dazu.

Gibt man allerdings "Effects of caffeine" oder "The effect of chronic coffee drinking" oder "Coffee consumption" bzw. "Coffee intake" ein, bekommt man weit über 10.000 Einzel-Ergebnisse mit dem wesentlichen Trend, dass es k e i n e r l e i negative gesundheitliche Auswirkungen beim Kaffee-Konsum gibt.

Selbst die früheste Veröffentlichung über die HARVEST-Studie, die ich finden konnte, sowie auch alle anderen nachfolgenden Publikationen schweigen sich über die untersuchte italienische Population weitgehend aus. Weder erfahren wir, ab w a n n denn die HARVEST-Studie begonnen hatte, von wann bis wann die E r s t-Einschreibung stattfand und schlimmer noch, warum zunächst "870 never-treated 18- to 45-year-old hypertensives (628 men, 242 women)" eingeschrieben wurden, die jetzt auf dem ESC-Kongress 2015 plötzlich und unerwartet auf "1201 nicht diabetische junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 45 Jahren" angeschwollen sind. Quelle:
Am J Hypertens. 1996 Apr;9(4 Pt 1):334-41 -
"Prevalence and clinical correlates of microalbuminuria in stage I hypertension. Results from the Hypertension and Ambulatory Recording Venetia Study (HARVEST Study)" von Palatini, P. et al.

Über harte Endpunktdaten wie kardiovaskulärer Tod, akutes Koronarsyndrom (ACS), Krankenhausaufenthalt, Koronarintervention (PCI), Kardiochirurgie ACVB-OP, p-AVK, Schlaganfall etc. schweigen sich die zahlreichen HARVEST-Autoren bis heute aus. Ich persönlich vermute, dass es dafür Gründe gibt:

1. Wenn 26,3 Prozent der i t a l i e n i s c h e n Studienteilnehmer k e i n e n Kaffee trinken, kann etwas nicht stimmen!
2. Wenn 63,8 Prozent nur eine bis drei Tassen Espressi pro Tag trinken, ist das vollends unglaubwürdig.

M. E. handelt es sich hier um eine hochgradig vorselektionierte Studienpopulation mit eingebauten Fehlannahmen ("bias"), die überhaupt nicht repräsentativ für die italienische Bevölkerung von Nord bis Süd sein kann. Hier gerät mitnichten das "Sauber-Image von Kaffee ins Wanken", sondern allenfalls das Sauber-Image der HARVEST-Studie und seiner zahlreichen wissenschaftlichen Autoren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas Schätzler, FAfAM Dortmund


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[02.09.2015, 07:49:44]
Dr. Franz-Josef Wittstamm 
Henne oder Ei ?
War der hohe Sympathikotonus vielleicht gemeinsamer ursächlicher Faktor für Hypertonus und erhöhtem Espresso-Konsum? zum Beitrag »

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