Ärzte Zeitung, 24.11.2015

In der Schwangerschaft

Das heiße Eisen Blutdrucksenkung

Die Blutdrucksenkung bei Schwangeren mit Hypertonie ist ein heikles Thema: Was der Mutter hilft, könnte dem Baby schaden. Neue Daten zeigen jetzt aber: Ärzte dürfen ruhig etwas mutiger sein.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Das heiße Eisen Blutdrucksenkung

Wie hoch sind die Blutdruckwerte? Schwangere mit Hypertonie sind ein besonderes Klientel.

© Polle / fotolia.com

BERLIN. Das Grundproblem der Bluthochdrucktherapie in der Schwangerschaft lässt sich nicht auflösen.

Einerseits kann der Fetus schlecht damit umgehen, wenn die Plazenta therapiebedingt weniger durchblutet wird. Die Blutgefäße sind noch unreif. Eine Autoregulation findet intrauterin nur sehr begrenzt statt. Andererseits gefährdet Bluthochdruck in der Schwangerschaft die Gesundheit der Mutter.

"Wir wissen beispielsweise, dass sich eine linksventrikuläre Hypertrophie in der Schwangerschaft verschlechtern kann", sagte Professor Duska Dragun von der Charité Berlin bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. Dies korreliere mit der kardiovaskulären Gesamtprognose.

Leitlinien sind sehr zurückhaltend

Was also tun bei Frauen, die vielleicht schon mit Bluthochdruck in die Schwangerschaft hineingehen? Dass Medikamente umgestellt werden müssen, ist klar. Zur Verfügung stehen im Wesentlichen Methyldopa, selektive Betablocker wie Labetalol, außerdem Nifedipin und Dihydralazin beziehungsweise Hydralazin.

Was die Blutdruckziele angeht, sind die meisten nationalen und internationalen Leitlinien sehr zurückhaltend. Eine Blutdrucksenkung aus mütterlicher Indikation wird meist erst bei Werten ab 170/110 mmHg empfohlen, oder ab 160/100 mmHg wenn der Bluthochdruck schon vorher bestand.

Problem für Fetus oder Mutter?

Möglicherweise ist das etwas zu streng. Dragun berichtete in Berlin über eine kürzlich publizierte, randomisierte Studie von Professor Laura Magee von der University of British Columbia, Kanada.

An der Studie nahmen über 1000 Frauen in der 14. bis zur 34. Schwangerschaftswoche teil, die entweder an einem vorbestehenden Bluthochdruck oder einem Gestationshypertonus ohne Proteinurie litten.

Verglichen wurde eine strenge mit einer weniger strengen Blutdruckeinstellung mit einem diastolischen Zielblutdruck von 85 mmHg oder 100 mmHg (NEJM 2015; 372: 407-17).

Primärer Endpunkt der Studie war ein breites Spektrum von Schwangerschaftskomplikationen auf Seiten des Fetus vom Schwangerschaftsabbruch über den Spontanabort bis zum neonatalen Tod.

Therapie hilft der werdenden Mutter

Dabei gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Auch bei den sekundären Endpunkten gab es wenig Grund zur Sorge. Weder unterschieden sich die Kinder stark im Geburtsgewicht noch in ihrem Wachstumsverhalten.

Auf Seiten der Mutter wiederum traten schwere Komplikationen bei strengerer Blutdruckeinstellung numerisch seltener auf. "Insgesamt hilft uns diese Studie, in der individualisierten Therapie zugunsten der Mutter etwas mutiger zu werden", sagte Dragun in Berlin.

 Zumindest wenn maternale Komplikationen aufträten, sei eine Absenkung des Blutdrucks bis 85 mmHg diastolisch erlaubt.

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