Ärzte Zeitung online, 18.10.2013

Lipidsenkung

Statine helfen britischen Patienten besser

Deutsche Patienten erreichen mit Statinen nur halb so häufig die Cholesterin-Zielwerte wie britische Patienten. Eine mögliche Erklärung könnte nach Ansicht von Experten in unserem restriktiven Gesundheitssystem liegen.

Von Dirk Einecke

AMSTERDAM. In der internationalen epidemiologischen DYSIS-Studie wurden in 15 Ländern in den Jahren 2008 und 2009 über 22.000 konsekutive Patienten aufgenommen, die aufgrund eines hohen kardiovaskulären Risikos mit Statinen behandelt wurden.

Dr. Anselm Gitt, Klinikum Ludwigshafen, stellte auf der Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC) in Amsterdam einen Vergleich der Therapiequalität zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich vor.

Nur 42 Prozent erreichen Zielwert

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Das Ergebnis ist nicht gut für deutsche Patienten und wenig schmeichelhaft für deutsche Ärzte: In Großbritannien werden häufiger potente Statine und häufiger höhere Statindosierungen verschrieben als in Deutschland.

Die Folge: In Deutschland sind die Patienten, gemessen an der erzielten Cholesterin-Senkung, schlechter therapiert: Das LDL liegt im Schnitt bei 111 mg/dl (in Großbritannien: 82 mg/dl), die Triglyzeride bei 145 mg/dl (in Großbritannien: 118 mg/dl).

"Nur 42 Prozent der deutschen, aber 80 Prozent der britischen Patienten erreichen die von Leitlinien genannten LDL-Ziele", so Gitt.

Restriktionen und Regresse

Wie Gitt beim ESC-Kongress in Amsterdam ausführte, könnten die unterschiedlichen Gesundheitssysteme für diesen sehr deutlichen Unterschied in der Therapiequalität verantwortlich sein.

In Großbritannien gibt es finanzielle Anreize für eine Zielwerterreichung (pay for performance), an denen fast alle niedergelassenen Ärzte teilnehmen.

Verbunden damit sind Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung mit Feedbackmechanismen und Quervergleichen zum Abschneiden anderer Kollegen.

In Deutschland hingegen herrscht ein Gesundheitssystem vor mit Quartalsbudgets pro Patient, deren Überschreiten mit einem Regress für den Arzt einhergehen kann.

Deutsche Ärzte behandeln mehr Patienten pro Tag und entsprechend schneller im Vergleich zu britischen Ärzten.

Finanzielle Anreize für gute Leistungen gibt es nicht, gute Qualitätssicherungsprogramme sind rar, so Gitt. Dafür geben viel mehr Ärzte in Deutschland als in Großbritannien an, Zeit für Bürokratie verschwenden zu müssen (67 versus 32 Prozent).

Kritik an Festbetrag

Der Kardiologe berichtete in Amsterdam, wie in Deutschland mit Atorvastatin verfahren wurde, dem hochpotenten Statin, auf das viele Patienten eingestellt waren.

Durch die politische Bildung einer Festbetragsgruppe purzelte damals der Preis erheblich, und der Hersteller war nicht bereit, das noch lange Patent-geschützte Medikament so günstig anzubieten.

In der Folge wurden sehr viele Patienten auf generisches Simvastatin umgestellt. Das ebenfalls potente Rosuvastatin konnte in diesem Umfeld im deutschen Arzneimittelmarkt keine Rolle spielen.

Die Folgen solcher politischen Eingriffe spiegelt zum Beispiel die DYSIS-Studie wider: 84 Prozent der insgesamt 4260 deutschen Patienten werden mit Simvastatin behandelt (Durchschnittsdosis: 27 mg pro Tag).

In Großbritannien erhalten 68 Prozent der 540 Patienten Simvastatin, und zwar deutlich höher dosiert (37 mg pro Tag).

30 Prozent der Patienten in Großbritannien erhalten Atorvastatin oder Rosuvastatin, in Deutschland sind es lediglich vier Prozent. Auch hier ist die Durchschnittsdosis in Deutschland erheblich niedriger.

Spitzenreiter im Reparaturbetrieb

Die Patientengruppen in beiden Ländern unterschieden sich etwas: Die deutschen Patienten waren älter, dicker und auch häufiger Diabetiker.

Die britischen Patienten hingegen waren häufiger körperlich inaktiv, rauchten mehr, hatten einen schlechter eingestellten systolischen Blutdruck und wiesen häufiger kardiale Begleiterkrankungen auf.

Die Aufwendungen für Statine mögen in Großbritannien etwas höher sein als in Deutschland. Vermutlich zahle sich die medikamentöse Prävention der koronaren Herzkrankheit aber langfristig aus, meinte Gitt. So läuft der koronare Reparaturbetrieb in Deutschland auf viel höheren Touren als in anderen Ländern.

Beispiel Koronarbypass: Im Jahre 2007 kamen 132 Eingriffe dieser Art auf 100.000 Einwohner in Deutschland, dagegen waren es nur 45 Eingriffe pro 100.000 Einwohner in Großbritannien.

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