Ärzte Zeitung, 21.01.2004

INTERVIEW

"Für Reanimationen fehlen in der Bevölkerung die Kompetenz und die Bereitschaft zur Hilfe"

Mehr als 100 000 Menschen sterben jährlich in der Bundesrepublik an plötzlichem Herztod, 220 000 Menschen bekommen einen Myokardinfarkt mit einer Frühletalität von 40 Prozent, so Professor Peter Sefrin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte. Erfolgreich reanimiert - damit ist die "restitutio ad integrum" gemeint - werden nur wenige. Über die Hintergründe sprach unser Mitarbeiter Thomas Meißner mit dem Würzburger Anästhesisten und Notfallmediziner.

Ärzte Zeitung: Herr Professor Sefrin, in Deutschland werden sieben bis elf Prozent der Menschen mit plötzlichem Herzstillstand wiederbelebt, in den USA liegt die Reanimationsquote dagegen bei 30 bis 40 Prozent. Wie kommt dieser Unterschied zustande?

Professor Peter Sefrin: Diese Zahlen stammen aus mehreren Untersuchungen zur Effektivität der präklinischen Versorgung. Unsere Auswertung von 220 000 Notarzt-Einsätzen in Bayern bestätigen diese Daten. Die US-amerikanischen Zahlen stammen aus urbanen Regionen.

Der Grund für die Unterschiede liegt darin, daß die Bevölkerung in den USA besser geschult ist als bei uns, die Reanimation ist Teil des Schulunterrichts. Zum zweiten besteht in den USA eine andere soziale Einstellung bezüglich der Hilfeleistung einem anderen Menschen gegenüber. Das Wir-Gefühl ist dort ausgeprägter. Daraus resultiert eine höhere Interventionsbereitschaft, die zugleich auf einer gewissen Kompetenz beruht. Bei uns fehlt erstens die Kompetenz und zweitens die Interventionsbereitschaft.

ÄZ: Gibt es Unterschiede bei den Rettungsdiensten?

Sefrin: Die Rettungsdienst-Dichte in den urbanen Regionen der USA ist hoch. So sind in Seattle die Paramedics in zwei bis drei Minuten bei den Patienten, wir in Deutschland brauchen selbst in Großstädten sieben bis zehn Minuten.

Bei uns ist also die Intervention des Ersthelfers noch viel wichtiger als in den USA, weil unser Rettungsdienst nicht so schnell beim Patienten sein kann. Es ist auch bei der derzeitigen finanziellen Lage aussichtslos zu fordern, daß wir eine höhere Dichte von Rettungsstandorten bekommen.

ÄZ: Sie setzen sich seit Jahrzehnten dafür ein, daß auch Kinder und Jugendliche Basismaßnahmen der Reanimation erlernen. Woran hakt es denn?

Sefrin: Das Thema ist schon oft an die Kultusminister-Konferenz herangetragen worden. Dort sagt man uns, dies sei nicht der Erziehungsauftrag der Schule. Man hat uns lediglich die Möglichkeit eingeräumt, in den Zeiten vor den Ferien, wenn die Lehrer die Zeugnisse schreiben, solche Kurse anzubieten. Es gibt aber keine Verpflichtung, diese Kurse durchzuführen. Das liegt im Ermessen der jeweiligen Schulleitung.

ÄZ: Im Zusammenhang mit Frühdefibrillations-Programmen werden an öffentlichen Plätzen verstärkt automatische Defibrillatoren installiert. Wird das Ihrer Meinung nach zu einer Verbesserung der Reanimationsquoten führen?

Sefrin: Wir hoffen das! Die Tatsache, daß ein solches Gerät vorhanden ist, setzt natürlich voraus, daß die Leute auch bereit sind, die Defis anzuwenden. Wir brauchen also eine Intensivierung der Schulungen in Reanimation unter Einschluß der Defibrillation. Allerdings können wir die Leute kaum motivieren, sich einer solchen Schulung zu unterziehen. Die bisherigen Erfolge mit automatischen Defibrillatoren gehen darauf zurück, daß die Ersthelfer entweder aus dem Bereich der Medizin kamen oder vorher speziell ausgebildet waren.

ÄZ: Wie kann sich denn ein niedergelassener Arzt und sein Praxisteam für Notfälle rüsten?

Sefrin: Es gibt in vielen Regionen entsprechende Kurse. So bietet die KV Bayerns alle Vierteljahre solche Kurse an und zwar für Ärzte einerseits und für Praxispersonal andererseits.

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