Forschung und Praxis, 19.12.2005

Zelltherapie für den defekten Herzmuskel - konträre Resultate

Neue Studien zur Myokardregeneration durch Zellinfusion nach Herzinfarkt

Myokardinfarkte führen zum Untergang von kontraktilem Herzgewebe. Die Folgen sind Veränderungen von Herzstruktur und Herzfunktion ("remodeling"), die schließlich in eine Herzinsuffizienz münden können. Ein innovatives therapeutisches Konzept ist die Transplantation von zur Regeneration befähigten Zell-Typen - etwa Progenitorzellen aus den Knochenmark - in das ischämische Myokard. Zwei in Dallas vorgestellte Studien haben diesen Ansatz auf therapeutische Tauglichkeit geprüft. Deutsche Kardiologen kamen zu hoffnungsvoll stimmenden Ergebnissen. Norwegische Forscher präsentierten drei Tage später eher ernüchternde Daten.

Die Hoffnung

Positive Resultate: Prof. Volker Schächinger. Foto: privat

Ein Team um Professor Andreas Zeiher an der Universitätsklinik Frankfurt am Main erforscht schon seit geraumer Zeit die Möglichkeiten der Zelltherapie nach Myokardinfarkt. Diese Gruppe konnte jetzt in der bisher größten kontrollierten Studie zur Wirksamkeit dieser Therapie nachweisen, daß intrakoronar infundierte Progenitorzellen aus dem Knochenmark die kardiale Pumpfunktion signifikant verbessern.

An dieser Studie waren 204 Patienten mit Myokardinfarkt beteiligt. Allen wurde drei bis fünf Tage nach erfolgreicher Reperfusionstherapie Knochenmark entnommen. Aus dem Aspirat isolierten die Forscher mononukleäre Progenitorzellen, die dann am 3. bis 6. Tag bei 101 Patienten per Herzkatheter in die Infarktarterie infundiert wurden; die übrigen 103 erhielten in gleicher Weise eine intrakoronare Placebo-Infusion.

Gemessen an der linksventrikulären Auswurfleistung (primärer Endpunkt) stellten die Untersucher nach vier Monaten in beiden Gruppen eine Verbesserung der kardialen Pumpfunktion fest. Allerdings war die Verbesserung der Auswurffraktion in der Gruppe mit Zelltherapie (absolute Zunahme um 5,5 Prozent) signifikant ausgeprägter als in der Placebo-Gruppe (absolute Zunahme um 3,0 Prozent), berichtete Professor Volker Schächinger.

Besonders deutlich hatte sich die Herzfunktion nach Zellinfusion bei Patienten mit stark geschädigtem Myokard und relativ niedriger Auswurffraktion gebessert. In dieser Subgruppe nahm die Auswurffraktion absolut um 7,5 Prozent (Placebo: 2,5 Prozent) zu.

Auch der Zeitpunkt der Zellinfusion war für den Erfolg von Bedeutung: Wurde sie später als fünf Tage nach dem Infarktereignis vorgenommen, war die Verbesserung der kontraktilen Funktion besonders ausgeprägt (7,0 versus 1,9 Prozent). Die Zahl der im viermonatigen Beobachtungszeitraum registrierten klinischen Ereignisse (Tod, Myokardinfarkt, Klinikeinweisung wegen Herzinsuffizienz) war in der Gruppe mit Zelltherapie niedriger als in der Vergleichsgruppe. (ob)

Die Enttäuschung

Enttäuschende Ergebnisse: Dr. Ketil Lunde. Foto: ner

Ebenso wie die Frankfurter Arbeitsgruppe hat auch ein norwegisches Forscherteam um Dr. Ketil Lunde aus Oslo in einer ähnlich angelegten randomisierten Studie geprüft, ob sich durch eine intrakoronare Zelltherapie funktionelle Verbesserungen nach Myokardinfarkt erzielen lassen.

An dieser Studie waren 100 Patienten mit akutem Myokardinfarkt beteiligt. Berücksichtigt wurden ausschließlich Patienten mit Vorderwandinfarkt, der häufig zu einer ausgeprägten Herzmuskelschädigung führt.

Im Unterschied zur Studie ihrer Frankfurter Kollegen haben die norwegischen Forscher nur bei den 50 Patienten, die der Zelltherapie-Gruppe zugeteilt waren, eine Knochenmark-Aspiration vorgenommen. Bei den 50 Patienten der Kontrollgruppe wurde darauf "aus ethischen Gründen" verzichtet.

Bei den Patienten mit Zelltherapie wurden zwischen dem 5. und 8. Tag nach dem Akutereignis mononukleäre Knochenmarkszellen in die Infarktarterie injiziert. Nach sechs Monaten wurde dann erneut bei allen Studienteilnehmern die linksventrikuläre Funktion gemessen. Gleich drei bildgebende Verfahren - SPECT, MRI und Echokardiographie - kamen zum Einsatz.

Wie Lunde berichtete, ergaben sich bei diesen Untersuchungen keinerlei Anhaltspunkte für eine Verbesserung der Pumpfunktion durch Zelltherapie. Sowohl in der Behandlungs- als auch Kontrollgruppe erholte sich die kontraktile Funktion im Laufe der sechs Monate.

Allerdings war der beispielsweise mit der SPECT-Methode festgestellte Anstieg der linksventrikulären Auswurffraktion mit 8,1 Prozent (Zelltherapie) und 7,0 Prozent (Kontrollen) nicht signifikant unterschiedlich. Gleiches ergab die Auswertung der Meßdaten der beiden anderen bildgebenden Verfahren. Auch im Hinblick auf die Infarktgröße war kein Unterschied zwischen beiden Gruppen zu erkennen.

Lunde selbst hatte keine Erklärung dafür, warum die Resultate seiner Studie so deutlich von denen der Frankfurter Kollegen abweichen. (ob)

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