Forschung und Praxis, 30.01.2006

Frauen mit Herzinfarkt haben meist schlechtere Prognose als Männer

Frauen nach der Menopause mit Übergewicht und Diabetes sind stark gefährdet

Herzinfarkte betreffen nicht erst Frauen in der Postmenopause - auch bei jüngeren sind sie keine Seltenheit. Im Vergleich zu Männern sind die Symptome bei Frauen oft anders, und die Sterblichkeit nach Infarkt ist höher. Die Ursachen für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede werden an der Berliner Charité erforscht. Gründe für die schlechtere Prognose von Frauen mit Herzinfarkt könnten unter anderem die unterschiedliche Symptomatik oder die unterschiedliche Aussagekraft der Diagnostik sein. Auch scheinen Störungen im Hormonhaushalt die Atherosklerose zu fördern und damit das Herzinfarktrisiko zu erhöhen.

Schmerzen in der linken Brust, wie bei dieser Patientin, aber auch Übelkeit oder Schweißausbrüche können bei Frauen Symptome eines Herzinfarkts sein. Foto: DAK / Wigger

Warum zum Beispiel Herzinfarkte und schwere Herzinsuffizienz bei Frauen anders verlaufen als bei Männern, will an der Berliner Charité eine am Zentrum für kardiovaskuläre Forschung verankerte Arbeitsgruppe unter der Leitung von Professor Dr. Vera Regitz-Zagrosek klären. Sie hat den bundesweit einzigen Lehrstuhl für "frauenspezifische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Kardiologie" inne.

Noch vor 20 Jahren galt der Herzinfarkt weitgehend als Männerkrankheit. Später hieß es dann: Frauen bekommen wie die Männer Myokardinfarkte, aber erst nach der Menopause und deshalb im Schnitt zehn Jahre später. "Heute wissen wir, daß auch jüngere Frauen Herzinfarkte bekommen können, die dann häufiger noch als bei Männern tödlich ausgehen", berichtete Regitz-Zagrosek.

Häufig irreführende Ergebnisse im Belastungs-EKG

Für den unterschiedlichen Krankheitsverlauf sei unter anderem die Diagnostik verantwortlich. So liefert ein Belastungs-EKG bei Frauen zu 50 Prozent falsch positive Befunde und zu 30 Prozent falsch negative Ergebnisse. Bei Frauen sollten deshalb mehr bildgebende Verfahren in der Infarkt-Diagnostik angewendet werden, fordert die Kardiologin.

Beim Herzinfarkt gebe es auch in der Symptomatik und bei der Prognose Unterschiede zwischen den Geschlechtern. "Der Herzinfarkt macht sich bei Frauen zu 22 Prozent nur durch Übelkeit bemerkbar", berichtete Regitz-Zagrosek, "weitere Beschwerden sind Schmerzen zwischen den Schulterblättern und Schweißausbrüche".

Die schlechtere Infarkt-Prognose von Frauen hängt aber wohl auch mit deren Komorbidität zusammen. So haben an Diabetes erkrankte Frauen ein etwa doppelt so hohes Risiko für Herzerkrankungen wie gleichaltrige Männer mit Diabetes. "Bei Frauen führt ein Diabetes viel häufiger zum Infarkt als bei Männern", so die Kardiologin.

Vermutlich werde nach den Wechseljahren das Renin-Angiotensin-System stark aktiviert. Dadurch werde das ohnehin erhöhte kardiovaskuläre Risiko bei Frauen mit Diabetes, Hypertonie und Adipositas noch höher. "Frauen nach der Menopause mit Übergewicht und Diabetes sind deshalb stark gefährdet", sagte Regitz-Zagrosek.

Auch Rauchen ist schlecht für Herz und Gefäße - und das schon in jüngeren Jahren: Frauen, die im Alter von unter 50 Jahren einen Herzinfarkt bekommen, sind zu 80 Prozent Raucherinnen.

Verstärkte Atherosklerose bei polyzystischen Ovarien

Das komplizierte Wechselspiel zwischen Sexualhormonen und Stoffwechselparametern ist noch längst nicht erforscht. Besonders der Zucker- und Fettstoffwechsel reagiere sehr empfindlich auf Störungen im Hormonhaushalt, sagte die Kardiologin. So erkranken jüngere Frauen mit polyzystischen Ovarien auffallend häufig an Atherosklerose und metabolischem Syndrom.

"Menge und Verteilung von Östrogenrezeptoren spielen aber auch bei Männern eine wichtige Rolle", sagte die Wissenschaftlerin. Denn bei Rezeptormangel oder Hormondefiziten entwickeln auch Männer eine Endotheldysfunktion und innerhalb relativ kurzer Zeit eine massive Atherosklerose. (grue)

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