Ärzte Zeitung, 04.07.2007

HINTERGRUND

Körperliche Aktivität - ein unverzichtbarer Bestandteil der Sekundärprävention von KHK-Patienten

Von Christiane Inholte

Körperliche Aktivität ist mittlerweile ein unverzichtbarer Bestandteil der Sekundärprävention bei Koronarer Herzkrankheit (KHK). Sowohl die Sterberate als auch die Lebensqualität der Patienten kann damit positiv beeinflusst werden. Viele evidenzbasierte Daten belegen dies, und Bewegung ist deshalb in den Leitlinien für die Behandlung von Patienten mit chronischer KHK etabliert.

Herzsport kann die Sterberate bei KHK positiv beeinflussen. Foto: AOK-Mediendienst

"Gerade was die körperliche Aktivität betrifft, werden die Leitlinien von niedergelassenen Kollegen gut umgesetzt", sagte Dr. Jochen Hansel vom Uniklinikum Tübingen zur "Ärzte Zeitung". Die Patienten würden über den Nutzen von Sport aufgeklärt und an die Herzsportgruppen vermittelt. Zusätzlich würden Krankenhäuser, Rehabilitationszentren und der ambulante Sektor sehr gut zusammenarbeiten.

Auch das ist in den Leitlinien so vorgesehen: Zum Beispiel erhalten Patienten nach einem Herzinfarkt eine effiziente Behandlung in einer Akutklinik, die dann in der Akutrehabilitation fortgesetzt wird. Anschließend wird der Prozess von niedergelassenen Hausärzten und Kardiologen fortgesetzt, indem sie die Patienten betreuen und etwa in Herzsportgruppen schicken.

Sport beeinflusst signifikant kardiovaskuläre Risikofaktoren

Warum ist nun körperliche Fitness so wichtig für KHK-Patienten? "Sport beeinflusst signifikant die kardiovaskulären Risikofaktoren wie das Cholesterin, das HDL und Triglyceride und hat einen günstigen Einfluss auf Diabetes mellitus und Bluthochdruck", erinnerte der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin. Auch inflammatorische Prozesse - die bei KHK von Bedeutung zu sein scheinen - werden durch Sport verringert. So sinkt etwa der Entzündungsparameter CRP.

Weiterhin hat Sport einen positiven Effekt auf die koronare Atherosklerose: Sport aktiviert die endotheliale Stickstoffmonoxid-Synthetase. Dadurch wird vermehrt Stickstoffmonoxid (NO) produziert. NO bewirkt dann eine Gefäßdilatation. Der positive Einfluss von Sport konnte in einer Leipziger Studie bei KHK-Patienten mit endothelialer Dysfunktion belegt werden. Durch körperliches Training besserte sich die endothelvermittelte Vasodilatation (N Engl J Med 342, 2000, 545).

"Es gibt Hinweise, dass Sport vorhandene atherosklerotische Plaques stabilisieren kann", so Hansel, der kürzlich die aktuellen Empfehlungen zu Sport und KHK veröffentlicht hat (Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 58, 2007, 2). Es gibt Hinweise, dass Sport unter gleichzeitiger Einnahme eines CSE-Hemmers den LDL-Wert unter 70mg/dl senken und dadurch eine Regression der koronaren Atherosklerose bewirken kann. Hier stünden entsprechende wissenschaftliche Belege aber noch aus.

Werden Herz-Patienten zu Sport motiviert, sollten sie nach Angaben von Hansel mindestens an vier oder fünf Tagen in der Woche trainieren. Diese Trainingsfrequenz wird allerdings kaum von Gesunden erreicht. "KHK-Patienten haben allerdings im Gegensatz zu Gesunden ein höheres Risiko früh zu sterben. Das sollte für sie Grund genug sein, sich zu bewegen, und so Selbstverantwortung für sich und ihre Erkrankung zu übernehmen", ist Hansels Tenor.

Das Training sollte mindestens aus einem 20-minütigen Ausdauertraining bestehen. In den Leitlinien werden sogar 30 bis 45 Minuten empfohlen. Hinzu komme als sinnvolle Ergänzung ein Krafttraining mit niedriger Intensität bei 40 bis 60 Prozent der maximalen Kontraktionskraft und 15 bis 20 Wiederholungen. Denn auch regelmäßiges Krafttraining soll die Gefäßelastizität dauerhaft erhöhen und so das kardiovaskuläre Risiko verringern.

Bevor Kollegen ihre Patienten in Herzsportgruppen schicken, sollte per Fahrradergometrie die maximale Herzfrequenz (mHF) und die maximale Leistungsfähigkeit in Watt bestimmt werden. Die Trainingsempfehlungen richten sich dann nach den Ergebnissen. "Bewegung soll nämlich nur im aeroben, ischämie- und symptomfreien Bereich stattfinden", so Hansel. Das wird meist bei einer HF unter Belastung zwischen 60 und 85 Prozent der mHF erreicht.

Diese Parameter gelten auch für Krafttraining. "Eine Besonderheit gibt es bei Patienten, die Betablocker einnehmen. Bei ihnen führt die mHF als Parameter der Belastungsintensität nicht zum Ziel", erinnerte Hansel. Hier sollte eine Trainingsintensität bei 50 bis 70 Prozent der maximalen Leitungsfähigkeit in Watt angestrebt werden. Ein Ausschlusskriterium für Sport ist instabile Angina pectoris.

Ein stabiler Blutdruck ist die Grundvoraussetzung für Sport

"Grundsätzlich sollte bei allen Patienten Blutdruck und auch Blutzucker stabil eingestellt werden, ehe sie mit dem Herzsport beginnen", so Hansel. Ist vor einer Trainingseinheit der Blutdruck zu hoch, etwa über 180/100 mmHg, müsse ebenfalls erst der Blutdruck stabilisiert werden.

Bei Patienten kann die Frage aufkommen, ob sie durch sportliche Betätigung mit ihrem kranken Herzen den plötzlichen Herztod riskieren. "Das Risiko für einen plötzlichen Herztod von KHK-Patienten ist nur unwesentlich höher als beim Gesunden", sagte Hansel. Es liegt bei KHK-Patienten bei 0,1 bis 0,6 pro 100 000 Trainingsstunden versus 0 bis 2 pro 100 000 Trainingsstunden bei Gesunden.

Hinweise zu Herzsportgruppen unter: http://www.dbs-npc.de

STICHWORT

Endothelialer Funktionstest

Ist die endotheliale Funktion gestört, weist dies auf den Beginn einer koronaren Atherosklerose hin. Eine endotheliale Dysfunktion kann erkannt werden, indem den Patienten Acetylcholin injiziert wird. Anschließend wird mittels hoch auflösendem Ultraschall an der Arteria brachialis gemessen, ob und wie stark das Gefäß mit einer Dilatation reagiert. Hat der Patient eine Atherosklerose, ist die Gefäßerweiterung je nach Ausprägung eingeschränkt - und im schlimmsten Fall gar nicht mehr vorhanden. Folge: Die Perfusion ist schlecht und damit auch die Sauerstoffversorgung des Gewebes. (cin)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Bundestag macht den Weg frei für Cannabis auf Rezept

13:12Ärzte können Hanf als verschreibungspflichtiges Medikament verordnen. Nach jahrelanger Debatte hat das Parlament heute den Umgang mit Cannabis als Medizin völlig neu geregelt. Krankenkassen müssen die Kosten im Regelfall erstatten. mehr »

Kein Schmerzensgeld für die künstliche Ernährung des Vaters

Das Münchener Landgericht hat die Klage gegen einen Hausarzt, der einen Patienten vermeintlich unnötig lange künstlich ernähren ließ, abgewiesen. Gleichwohl attestierte es einen Behandlungsfehler. mehr »

Droht Briten eine zweite Creutzfeldt-Jakob-Welle?

In Großbritannien ist ein Mann an einer ungewöhnlichen Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung gestorben. Dies nährt Befürchtungen, wonach mehr als 20 Jahre nach der BSE-Krise eine zweite Erkrankungswelle ansteht. mehr »