Ärzte Zeitung, 22.07.2008

Rauscht die Carotis, ist das Herz in Gefahr

Patienten mit Strömungsgeräuschen in der Halsschlagader haben ein zweifach erhöhtes Herzinfarkt-Risiko

BERLIN (gvg). Menschen mit Strömungsgeräuschen über den Halsschlagadern haben ein deutlich erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden oder an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben. Darauf deutet eine Metaanalyse hin, die in der Fachzeitschrift "The Lancet" publiziert wurde.

Was sagt die Halsschlagader? Strömungsgeräusche in der Arteria carotis sind ein unabhängiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Tod.

Foto: Klaro

Strömungsgeräusche der Arteria carotis interna gelten bisher zwar als Marker für eine generalisierte Atherosklerose. Ihre prognostische Wertigkeit wurde aber eher als gering angesehen, zumindest mit Blick auf das Auftreten von Schlaganfällen. In ihrer Metaanalyse haben sich Ärzte des Walter Reed Medical Centers der US-Army in Washington jetzt spezifisch auf kardiale Ereignisse konzentriert (Lancet 371, 2008, 1587). Und siehe da: Hier scheint die prognostische Wertigkeit von Strömungsgeräuschen der Carotis deutlich höher zu sein als im Gehirn.

Nach einer Recherche in der Datenbank Medline identifizierten die Kollegen 22 Studien, in denen Daten zu Herzinfarkten oder kardiovaskulären Ereignissen und zu Strömungsgeräuschen der Arteria carotis erhoben worden waren. 20 der Studien mit insgesamt über 17 000 Patienten hatten ein prospektives Design. Im Mittel wurden die Patienten vier Jahre lang beobachtet.

Im Ergebnis zeigt sich ein signifikant erhöhtes Risiko bei Vorliegen von Strömungsgeräuschen sowohl für Herzinfarkte als auch für kardiovaskuläre Todesfälle. Pro einhundert Patientenjahre traten im Mittel 3,7 Herzinfarkte und 2,9 kardiovaskuläre Todesfälle auf, wenn Strömungsgeräusche vorhanden waren. Bei Patienten ohne Carotis-Strömungsgeräusche waren die Zahlen: 1,9 Herzinfarkte und 1,1 Todesfälle pro 100 Patientenjahre. Das bedeutet, dass sich das Risiko etwa verdoppelt, und zwar statistisch unabhängig von anderen bekannten kardiovaskulären Risikofaktoren wie Diabetes oder arterieller Hypertonie.

Die Autoren der Metaanalyse um Dr. Christopher Pickett empfehlen aufgrund dieser Daten, das kardiovaskuläre Risiko bei Patienten mit auskultatorischen Strömungsgeräuschen der Arteria carotis so effektiv wie nur möglich zu senken. Dazu raten sie zu Sport, effektiver Cholesterinsenkung und optimaler Blutdruckeinstellung.

Die US-Kollegen gehen dabei relativ weit in ihren Empfehlungen: "Das Vorhandensein von Strömungsgeräuschen alleine sollte als ein Äquivalent zur koronaren Herzerkrankung betrachtet werden. Patienten bedürfen derselben aggressiven Modifikation kardiovaskulärer Risikofaktoren, wie sie auch bei Diabetes und PAVK empfohlen werden." Das würde heißen: Blutdruck unter 130/80mmHg und LDL kleiner 100 mg/dl.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Auch mit Kind zügig möglich"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »