Ärzte Zeitung, 08.04.2009

"Bei behinderten Patienten geht es immer auch um den Begriff der Würde"

"Bei behinderten Patienten geht es immer auch um den Begriff der Würde"

Diagnostik und Therapie speziell bei behinderten Menschen - auch dazu gibt's beim Kongress Tipps.

Ärzte Zeitung: Mit dem Symposium "Behindertenmedizin" bieten Sie beim Internistenkongress etwas ganz Besonderes, Herr Professor Kolloch. Was erwartet denn die Kongress-Besucher bei dieser Veranstaltung?

Professor Rainer Kolloch: Mit dem Symposium wollen wir der Tatsache gerecht werden, dass bei behinderten Patienten zum Beispiel die Untersuchungs- und Anamnesemöglichkeiten ganz anders sind als bei nicht-behinderten Patienten. Kollegen müssen in dieser Situation oft mit weniger Informationen zurechtkommen, als sie es gewohnt sind. So kann es zum Beispiel schwierig sein, Schmerzen zu diagnostizieren.

Ärzte Zeitung: Welche Wege können denn Kollegen hier gehen, um Schmerzen und deren Ursache zu erkennen?

"Bei behinderten Patienten geht es immer auch um den Begriff der Würde"

Kongresspräsident Rainer Kolloch zum 115. DGIM-Kongress in Wiesbaden

Foto: privat

Kolloch: Bei schwieriger Kommunikation mit den Patienten selbst helfen oft Informationen von Angehörigen und Betreuern. Sie kennen typische Verhaltensweisen der Patienten und aus anderen Situationen vielleicht auch Verhaltensauffälligkeiten, die mit Schmerzen zu tun haben. Auch auf Laborbefunde, etwa bei Verdacht auf einen Herzinfarkt, oder auf die Befunde bei bildgebender Diagnostik, etwa bei Verdacht auf Arthrose-Schmerzen, muss oft zurückgegriffen werden. Mir fällt hier die Kasuistik eines behinderten Patienten ein, der sich in einem Schrank eingesperrt hatte. Die Diagnose eines Herzinfarktes und dadurch bedingter Schmerzen konnte nur über die Erhebung von Risikofaktoren, durch intensive Diagnostik und durch Befragung der Betreuer gesichert werden.

Ärzte Zeitung: Bedeutet das: Bei behinderten Patienten wird viel über sie als mit ihnen gesprochen?

Kolloch: Informationen von Familienangehörigen und Betreuern sind oft unverzichtbar. Wichtig ist dabei aber immer, das richtige Maß zu finden: Kein Patient mag es, wenn über seinen Kopf über ihn gesprochen wird statt mit ihm selbst. Letztlich geht es hier immer auch um den Begriff der Würde. Auch aus diesem Grund ist eines der Themen beim Symposium "Behindertenmedizin": Dialyse bei schwer geistig behinderten Patienten - Lebensqualität oder Quälerei? (mal)

Veranstaltungstipp: Symposium Behindertenmedizin, Samstag, 18. April, 14.30 bis 16.00 Uhr, Halle 10/3

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