Ärzte Zeitung, 05.04.2012

KHK: Antidepressiva so wichtig wie Herzmittel

Mehr Bewegung und eine gute antidepressive Therapie - für depressive KHK-Patienten ist dies sogar essenziell. Denn Herz und Gefäße leiden besonders unter den Folgen einer Depression.

Von Thomas Müller

KHK: Antidepressiva so wichtig wie Herzmittel

Depressive vergessen doppelt so oft wie Nichtdepressive, ihre Medikamente einzunehmen.

© JPCProd/fotolia.com

KÖLN. Wenig Bewegung, viel Nikotin, schlechte Compliance - das sind die Hauptgründe, weshalb KHK-Patienten mit Depression eine besonders kurze Lebenserwartung haben.

Antidepressiva helfen, das Leben zu verlängern. Das liegt offenbar auch an deren plättchenhemmenden Eigenschaften. Sport und Verhaltenstherapie wirken ebenfalls lebenserhaltend.

Ein Herzinfarkt wirft viele Menschen aus der Bahn. Etwa jeder Vierte entwickelt in den Wochen nach einem Herzinfarkt eine Depression.

Bei ihnen ist großen Studien zufolge die Rate neuer Herzinfarkte oder Schlaganfälle teilweise doppelt so hoch wie bei Patienten ohne Depression, hat Professor Christian Otte von der Charité Berlin auf der Fortbildungsveranstaltung "Psychiatrie Update" in Köln berichtet.

Mögliche Gründe: Depressive rauchen mehr und bewegen sich weniger als Nichtdepressive - das ist bei KHK besonders schlecht. Zudem nehmen sie die verschriebenen Statine, Blutdrucksenker oder andere Herzmittel nicht regelmäßig ein.

Folge des ungesunden Lebensstils

Otte nannte eine Studie, nach der Depressive doppelt so oft wie Nichtdepressive vergessen, ihre Medikamente einzunehmen, oder diese bewusst absetzen, sogar dreimal häufiger nehmen sie ihre Medikamente unregelmäßig oder falsch dosiert ein.

Wurden die drei Faktoren Rauchen, Bewegungsmangel und schlechte Therapieadhärenz berücksichtigt, dann bedeutete die Depression kein zusätzliches Risiko mehr für Herz und Hirn.

Anders ausgedrückt: Das erhöhte Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko bei Depressiven scheint vor allem eine Folge des ungesunden Lebensstils zu sein, der mit einer Depression einhergeht.

Hauptfaktor, so das Ergebnis einer Kohortenstudie mit 6000 Erwachsenen, ist dabei offenbar der Bewegungsmangel. Die Sterberate auf zehn Jahre bezogen war in dieser Studie bei rein Depressiven nur um etwa 30 Prozent erhöht, bei körperlich Inaktiven schon um das Doppelte, und bei solchen, die depressiv und träge waren, gar um das Dreifache.

Da viele Depressive auch körperlich inaktiv sind, lässt sich der größte Teil des erhöhten Risikos über den Bewegungsmangel erklären.

Otte erinnerte daran, dass eine Depression den Gefäßen aber auch direkt schaden kann. Bei Depressiven ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse überaktiv und die Ausschüttung von Kortisol und Katecholaminen verstärkt.

Hohe Katecholaminwerte begünstigen myokardiale Ischämien und Arrhythmien, aktivieren die Blutgerinnung sowie Entzündungsfaktoren und verringern die Herzfrequenzvariabilität. Hohe Kortisolwerte wiederum fördern hohe Cholesterinwerte, Diabetes und Übergewicht.

Als Konsequenz, so Otte, ist eine gute antidepressive Therapie gerade bei KHK-Patienten mit Depression äußerst wichtig, so wichtig wie die KHK-Behandlung.

Darauf deuten einige Studien: In SADHART war die Herzinfarktrate bei depressiven Herzkranken um 30 Prozent und die Sterberate sogar um 61 Prozent niedriger, wenn sie den SSRI Sertralin statt Placebo bekamen.

Auch zur Bewegung animieren

In ENRICHD war die Herzinfarktrate mit SSRI um 47 Prozent und die Gesamtsterberate um 41 Prozent niedriger als mit Placebo. Gerade SSRI haben auch den Vorteil, dass sie die Thrombozytenaggregation hemmen.

In Studien senkte Sertralin die Serumspiegel von Plättchenfaktor IV deutlich. Allerdings erhöhen sie auch das Blutungsrisiko. So ist das Risiko für gastrointestinale Blutungen mit SSRI fast so hoch wie mit NSAR. Dieses Risiko verdreifacht sich bei der Kombination beider Medikamentenklassen.

Es lohnt sich jedoch, nicht nur auf Medikamente zu setzen. Gelingt es, die Patienten zu etwas mehr Bewegung zu motivieren, dann gehen nicht nur die Depressionssymptome zurück, auch Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko sinken.

Und schließlich gibt es inzwischen auch Daten, nach denen sich eine Verhaltenstherapie auf harte kardiale Endpunkte auswirkt: In der Studie SUPRIM erhielten 440 Teilnehmer nach einem kardialen Ereignis entweder nur die Standardtherapie oder zusätzlich eine kognitive Verhaltenstherapie, und zwar unabhängig davon, ob sie depressiv waren oder nicht.

Der Fokus der Therapie lag dabei auf Stressmanagement. Nach acht Jahren war die Rate kardiovaskulärer Ereignisse mit Verhaltenstherapie signifikant um 41 Prozent reduziert, die Herzinfarktrate sogar um 45 Prozent.

Quelle: www.springermedizin.de

[05.04.2012, 22:48:00]
Claus F. Dieterle 
Ein Gedicht
Durch das Gedicht möchte ich bei Depressionen... noch auf einen anderen Aspekt hinweisen.

Sieh, dafür ist grade der Heiland da!

Wenn manchmal das Leben dir scheint zu schwer,
wenn Sorgen dich drücken, das Herze so leer,
wenn alles versagt, keine Hilfe dir nah,
sieh, dafür ist grade der Heiland da!

Wenn dich die Menschen auch mißverstehn,
vielleicht dich verleumden und übersehn,
und wenn dir ein bitteres Unrecht geschah,
sieh, dafür ist grade der Heiland da!

Wenn Berge an Arbeit sich türmen vor dir,
wenn Mut und Kräfte versagen schier
in Krankheit und Schmerzen, Angst und Gefahr,
sieh, dafür ist grade der Heiland da!

Für jeden Kummer und Traurigkeit,
in schlaflosen Nächten und Einsamkeit,
wenn niemand auch deine Tränen sah,
sieh, dafür ist grade der Heiland da!

Wenn Leid und Dunkel die Erde bedeckt,
wenn Versuchung und Sünde das Herz erschreckt,
dann blick nur hinauf nach Golgatha!
Sieh, dafür ist grade der Heiland da!

Mit guten Segenswünschen
Claus F. Dieterle

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[05.04.2012, 08:42:26]
Dr. Johannes Scholl 
Woher stammen die positive Daten zu Sertralin? Jedenfalls nicht aus den zitierten Studien...
Dass eine Depression mit einem höheren Risiko für eine KHK bzw.für ein schlechteres Outcome nach Myokardinfarkt assoziiert ist, gilt als sicher. Ob allerdings umgekehrt die Therapie mit Antidepressiva und konkret Sertralin tatsächlich einen Benefit bringt, ist keineswegs bewiesen. Bisher dazu durchgeführte Studien zeigten KEINE Senkung der Mortalität. Der Titel des Artikels ist in dieser Hinsicht irreführend.

Man fragt sich, woher die folgenden Informationen stammen:
"...eine gute antidepressive Therapie gerade bei KHK-Patienten mit Depression äußerst wichtig, so wichtig wie die KHK-Behandlung.
Darauf deuten einige Studien: In SADHART war die Herzinfarktrate bei depressiven Herzkranken um 30 Prozent und die Sterberate sogar um 61 Prozent niedriger, wenn sie den SSRI Sertralin statt Placebo bekamen.
...In ENRICHD war die Herzinfarktrate mit SSRI um 47 Prozent und die Gesamtsterberate um 41 Prozent niedriger als mit Placebo."

Diese Zahlen FINDEN SICH NICHT in den genannten Studien, wenn man sich die Mühe macht, nachzuschauen. Es zeigte sich im Gegenteil kein Vorteil für Sertralin. Hier die Schlussfolgerung aus ENRICHD:

"Conclusions The intervention did not increase event-free survival. The intervention improved depression and social isolation, although the relative improvement in the psychosocial intervention group compared with the usual care group was less than expected due to substantial improvement in usual care patients."
JAMA. 2003;289:3106-3116

Schon merkwürdig, wie hier eine "Geschichtsklitterung" betrieben wird, oder? Mit evidenz-basierter Medizin hat das jedenfalls nichts zu tun.


Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V.
Europastr. 10
65385 Rüdesheim
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