Ärzte Zeitung, 08.10.2012

Stabile KHK

Sind Betablocker nutzlos?

Der Nutzen von Betablockern bei stabiler KHK mit oder ohne Herzinfarkt wird möglicherweise deutlich überschätzt, wie aktuelle publizierte Registerdaten andeuten. Bei Patienten ohne Infarktanamnese könnten sie gar schaden.

Von Dirk Einecke

Nutzen Betablocker doch nicht viel?

Brustschmerz und Engegefühl bei stabiler KHK. Ob Betablocker in dieser Situation über ihre antianginöse Wirkung hinaus auch von prognostischem Nutzen sind, erscheint im Licht neuer Registerdaten eher fraglich.

© INSADCO / imago

NEW YORK. Betablocker gehören zum Standard-Repertoir der KHK-Therapie. Wissenschaftliche Evidenz für eine lebensverlängernde Wirkung existiert für die klinische Situation nach Herzinfarkt sowie bei chronischer Herzinsuffizienz.

Doch speziell die Studien mit Postinfarkt-Patienten sind schon einige Jahrzehnte alt. Seither wurden die Reperfusionsstrategien sowie die medikamentöse Sekundärprävention erheblich verbessert und verfeinert.

Wie Betablocker aber vor dem Hintergrund einer modernen Herzinfarkt-Therapie wirken, ist nicht untersucht.

Extrapolation auf andere klinische Situationen

Darüber hinaus werden die positiven Ergebnisse aus diesen älteren Postinfarkt-Studien auf eine Reihe von anderen klinischen Situationen extrapoliert, ohne dass der Nutzen der nicht immer gut verträglichen Betablocker hier entsprechend erhärtet wäre.

Dies gilt z.B. für Postinfarkt-Patienten, bei denen der Infarkt schon länger zurückliegt oder für KHK-Patienten ohne Herzinfarkt, und schließlich für Patienten mit KHK-Risikofaktoren, aber ohne manifeste KHK.

Was Betablocker diesen drei Patientengruppen bringen, war jetzt Gegenstand einer klinischen Untersuchung (JAMA 2012; 308: 1340).

Bei dem Patientenkollektiv handelte es sich um Patienten des internationalen prospektiven REACH-Registers, also einer longitudinalen Beobachtungsstudie.

Im Register befanden sich 14.000 stabile KHK-Patienten mit Infarktanamnese, 12.000 KHK-Patienten ohne Infarkt in der Vorgeschichte und 18.700 Patienten, die nur KHK-Risikofaktoren hatten.

In jeder der drei Gruppen wurden vergleichbare Paare gebildet (Propensity Score Matching), die entweder Betablocker oder keine Betablocker erhielten. Deren klinische Entwicklung wurde im Median 44 Monate lang beobachtet.

Primärer Endpunkt waren die drei Ereignisse Tod aus kardiovaskulärer Ursache, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Beim sekundären Endpunkt wurden zusätzlich Revaskularisierungs-Eingriffe sowie Krankenhaus-Aufenthalte aufgrund atherothrombotischer Komplikationen betrachtet.

Betablocker ohne Nutzen in den untersuchten Gruppen

Ergebnis: Für keine der drei Patientengruppen fand sich ein signifikanter Nutzen der Betablockade.

Selbst in der Gruppe der Patienten mit positiver Infarktanamnese bestand nur ein numerischer Vorteil im primären Endpunkt (489 versus 532 Ereignisse, 16,93 versus 18,60 Prozent), der nicht statistisch signifikant war.

Erst bei ausschließlicher Betrachtung von Patienten, deren Infarkt weniger als ein Jahr zurücklag, zeigte sich ein signifikanter Effekt, aber nur im sekundären Endpunkt, also unter Einschluss von Revaskularisierungen und Hospitalisierungen.

Bei Patienten mit stabiler KHK, aber ohne Infarktanamnese, lag die Ereignisrate unter einer Betablocker-Therapie bei 12,94 Prozent (versus 13,55 Prozent ohne Betablocker, 391 versus 405 Fälle) für den primären Endpunkt sowie bei 30,59 Prozent (versus 27,84 Prozent ohne Betablocker, 1101 versus 1002 Fälle) für den sekundären Endpunkt.

Das bedeutet: KHK-Patienten, die Betablocker erhielten, wurden signifikant öfter hospitalisiert und revaskularisiert.

Patienten ohne KHK, aber mit wenigstens drei atherothrombotischen Risikofaktoren, hatten Nachteile, wenn sie Betablocker einnahmen.

Sie erlitten sowohl mehr primäre Endpunkte (476 versus 403, 14,22 versus 12,11 Prozent) als auch mehr sekundäre Endpunkte (870 versus 797, 22,01 versus 20,17 Prozent), die Unterschiede waren jeweils signifikant.

Fazit der Autoren: Gesichert prognostisch wirksam sind Betablocker nur bei Herzinsuffizienz sowie bei akutem Herzinfarkt für einen begrenzten Zeitraum.

Quelle: www.springermedizin.de

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