Ärzte Zeitung online, 22.05.2014

Infarkt

Frauenherzen werden nicht anders krank

Die Pathomechanismen der Entstehung eines Herzinfarktes sind bei Männern und Frauen mehr oder weniger gleich. Dafür sprechen Ergebnisse einer ungewöhnlichen Studie: Mit moderner kardialer Bildgebung wurde das Geschehen direkt in der betroffenen Infarktarterie untersucht.

Von Peter Overbeck

Frauenherzen werden nicht anders krank

Herzinfarkte verlaufen bei Frauen häufiger tödlich als bei Männern. Die Ursachen sind unbekannt.

© Kzenon / fotolia.com

PARIS. Frauenspezifische Besonderheiten in der Krankheitsentstehung finden auch in der Kardiologie immer stärkere Beachtung. So hat etwa die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) schon vor einiger Zeit eine eigene Arbeitsgruppe "Gendermedizin in der Kardiologie" ins Leben gerufen.

Klärungsbedürftige Unterschiede gibt es zuhauf. So sind vom Herzinfarkt betroffene Frauen im Schnitt älter als Männer. Auch verlaufen Herzinfarkte bei Frauen häufiger tödlich als bei Männern, wie eine jüngst bei der DGK-Jahrestagung vorgestellte Studie der Münsteraner Arbeitsgruppe um Dr. Eva Freisinger erst wieder bestätigt hat.

Als mögliche Erklärung sind unter anderem unterschiedliche Pathomechanismen der Infarktentstehung bei Frauen und Männern in der Diskussion. Allerdings steht eine Bestätigung durch In-vivo-Untersuchungen noch aus.

Infarktrelevante Koronarplaques im Visier

Eine solche Untersuchung ist 2011 unter dem Akronym OCTAVIA von einer Gruppe italienischer Forscher um Dr. Giulio Gualgliumi aus Bergamo initiiert worden. Die Ergebnisse hat Studienleiter Gualgliumi jetzt beim Kongress EuroPCR 2014 in Paris vorgestellt.

Beteiligt an der Studie waren 140 bezüglich Alter und Risikofaktoren weitgehend merkmalsgleiche Frauen und Männer mit ST-Hebungsmyokardinfarkt (STEMI), die zur Revaskularisierung einer primären Koronarintervention (PPCI) unterzogen wurden.

Bei den meisten Patienten wurde vor der Stent-Implantation per Thrombektomie Plaque- und Thrombusmaterial aus der Infarktarterie abgesaugt, das dann histopathologisch und immunhistochemisch untersucht wurde.

Nach der Thrombektomie, aber noch vor der Stentimplantation wurde die Plaque-Morphologie der infarktrelevanten Koronarläsion (culprit lesions) mittels optischer Kohärenztomografie (OCT) genau dargestellt und analysiert.

Die OCT-Untersuchung wurde unmittelbar nach der Stent-Einlage und noch einmal nach neun Monaten wiederholt. Die späte Untersuchung sollte Aufschluss darüber geben, ob es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Gefäßreaktion auf die invasive Koronarintervention mit Stent-Implantation gibt.

Gleicher Anteil an Plaque-Rupturen und Plaque-Erosionen

Wie Gualgliumi berichtete, ergaben die Analysen keine relevanten Unterschiede bei den morphologischen Plaque-Charakteristika zwischen Frauen und Männern. So war der Anteil an Plaque-Rupturen (rund 50 Prozent) und an Plaque-Erosionen (rund 25 Prozent) in beiden Gruppen nahezu gleich.

Bei der Untersuchung des aspirierten Thrombusmaterials fiel auf, dass in rund einem Drittel der Fälle sowohl bei weiblichen als auch männlichen STEMI-Patienten bereits Anzeichen für eine "Thrombusorganisation" vorhanden waren - ein Hinweis darauf, dass der Thrombus bereits älter war und offenbar schon einige Zeit vor Infarktbeginn präsent gewesen sein musste.

Auch die OCT-Untersuchung nach neun Monaten fördert keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Geschlechtern zutage. Hier zeigte sich, dass zu diesem Zeitpunkt jeweils rund 90 Prozent aller Stentstreben von körpereigenen Zellen überwachsen und bedeckt waren.

Gualgliumis Fazit: Für die These, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Pathomechanismen der Infarktentstehung gibt, bietet die Studie keine Anhaltspunkte. Auch der vaskuläre "Heilungsprozess" nach invasiver Koronarintervention mit Stenting ist danach bei Frauen und Männern mit STEMI gleich.

Ist die Zeitverzögerung bei der Therapie von Bedeutung?

Also dürften die Gründe für die beobachteten Unterschiede etwa bei der Infarktsterblichkeit woanders liegen. Eine Erklärung könnte sein, dass bei Frauen mit Herzinfarkt zwischen Symptombeginn und Therapieeinleitung häufig mehr Zeit vergeht als bei Männern.

Auch in der OCTAVIA-Studie war die Zeitspanne zwischen Symptombeginn und Eintreffen im Katheterlabor bei Frauen größer - wenn auch nicht signifikant.

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