Ärzte Zeitung, 31.07.2014

Plötzlicher Herztod

Erstmals in Deutschland genaue Zahlen

Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung haben in einer Region Niedersachsens erstmals systematisch erfasst, wie viele Menschen am plötzlichen Herztod sterben: Es sind 81 von 100.000 pro Jahr, 39 Prozent davon im erwerbsfähigen Alter.

pulsmessung-AH.jpg

Plötzlicher Herztod: Mindestens jeder dritte Betroffene ist im erwerbsfähigen Alter.

© Tyler Olson / fotolia.com

BERLIN. Forschungsergebnisse des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung e.V. (DZHK) in Berlin erfassen das Ausmaß des plötzlichen Herztods in Deutschland. Sie sollen helfen, Todesfälle zu vermeiden.

Der Studie zufolge sterben die meisten ohne klar erkennbare Warnhinweise (Europace 2014, online 24. Juli). Scheinbar ohne Anlass hört das Herz auf zu schlagen, heißt es in einer Mitteilung des DZHK.

In 80 Prozent der Fälle sind Herzrhythmusstörungen bei einem unvorhersehbaren Herzinfarkt der Grund. Andere Ursachen sind Herzrhythmusstörungen bei Herzmuskelerkrankungen und angeborene Herzkrankheiten.

In nur etwa 13 Prozent sind echte Risikopatienten betroffen, also Menschen, die bereits einen Herzinfarkt hatten, der zu einer deutlichen Herzmuskelschwäche geführt hat oder die eine andere bekannte Herzerkrankung haben, die somit nach den aktuellen Leitlinien prophylaktisch mit einem implantierbaren Defibrillator versorgt werden sollten.

Ein Drittel ist jünger als 65

Für Deutschland gab es bislang nur Schätzungen, wie viele Menschen am plötzlichen Herztod sterben. Die DZHK-Forscher ermittelten in Niedersachsen über einen Zeitraum von acht Jahren eine gesicherte Zahl von 81 Todesfällen pro 100.000 Einwohner und Jahr.

Auf ganz Deutschland bezogen sind das etwa 65.000 Fälle und damit etwa 20 Prozent aller Herz-Kreislauf-Toten. Bemerkenswert ist der plötzliche Herztod im Alter bis 65 Jahre: 34 Prozent der Todesfälle traten in dieser Altersklasse auf.

"Wir können dem plötzlichen Herztod bislang kaum vorbeugen, weil wir nicht wissen, wen es treffen wird", so Professor Stefan Kääb, Kardiologe am Uniklinikum München und Mitarbeiter am DZHK, in der Mitteilung.

Um vorbeugende Maßnahmen zu entwickeln, muss man zunächst wissen, wen es trifft, wie die Todesumstände waren und welche familiären Belastungen vorlagen. Etwas systematisch zu erfassen, das unerwartet auftritt, ist aber schwierig.

Das Team um Kääb ging daher retrospektiv vor: mit dem Notfallmedizinsystem einer Gegend in Niedersachsen. Die Region rund um die Kleinstadt Aurich hat eine zentrale Rettungsleitstelle und zwei Krankenhäuer, in die kardiologische Notfallpatienten routinemäßig eingeliefert werden. So lagen einheitliche Daten von rund 230.000 Patienteneinsätzen aus acht Jahren vor.

Routine-Kontrollen beim Hausarzt

Um eine hohe Diagnose-Genauigkeit zu erzielen, werteten die DZHK-Wissenschaftler nur jene Fälle aus, bei denen der Herzstillstand innerhalb von einer Stunde nach Manifestation von Symptomen eintrat und zuvor Wiederbelebung versucht worden waren.

Wer vor Eintreffen des Notarztes starb, wurde nicht einbezogen. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit plötzlichem Herztod liegt daher in jedem Fall etwas höher.

Die Zahl der so ermittelten Todesfälle blieb über die acht Jahre fast konstant. Dies unterstreiche die Schwierigkeit, präsymptomatische Risikopatienten zu erkennen, so Kääb.

Denn die Behandlung bei akutem Herzinfarkt und kardiovaskulären Erkrankungen im Allgemeinen habe sich in diesem Zeitraum verbessert. "Patienten" mit plötzlichem Herztod könnten davon jedoch nicht profitieren, weil sie nicht als Risikopatienten erkannt würden.

"Wenn man bedenkt, dass die häufigste Ursache des plötzlichen Herztodes der Herzinfarkt ist, muss man die Bevölkerung sensibilisieren. Auch wer nicht erkennbar krank ist, sollte sich regelmäßig untersuchen lassen und alles tun, um Risikofaktoren klein zu halten", so der Kardiologe.

Außer den Bemühungen, kardiovaskuläre Risiken zu reduzieren, sei man dabei, weitere Methoden zu etablieren, etwa mit EKG-Signalen. (eb)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Ein Kind mit drei genetischen Eltern

Eine Eizelle von zwei Frauen: Eine Mitochondrien-Ersatztherapie hat einem Paar geholfen, ein gesundes Baby zu bekommen. Experten äußern allerdings ethische Bedenken. mehr »

Grüne für Wahlfreiheit von Beamten

Ist das Krankenversicherungsrecht für Beamte noch zeitgemäß - sollten sie etwa die Wahl zwischen GKV und Privatversicherung haben? Das treibt die Bundestagsfraktion der Grünen um. mehr »

Hausärzte besser schulen!

Der Hausarzt gilt als Schaltstelle bei der Diagnose von Depressionen. Zum Europäischen Depressionstag haben Fachverbände nun gefordert, ihn besser auf die Erkennung von seelischen Krankheiten vorzubereiten. mehr »