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Herzinfarkt und Normoxie

Noch mehr Zweifel am Nutzen der Sauerstoffgabe

Die Zufuhr von Sauerstoff über eine Nasenkanüle oder Gesichtsmaske zählt zu den Routinemaßnahmen in Notaufnahmen und Rettungswagen - oft auch bei Patienten mit akutem Herzinfarkt. Eine aktuelle Studie bestärkt nun die Zweifel, dass diese gängige Praxis jedem nach einem Infarkt nützt.

Peter OverbeckVon Peter Overbeck Veröffentlicht:

CHICAGO. Es klingt einleuchtend: Wenn es bei Myokardischämie dem Herzmuskel an Sauerstoff mangelt, dann sollte die Zufuhr dieses lebenswichtigen Elements doch wohl von positiver Wirkung sein. Doch Plausibilität allein ist noch kein Beleg für einen Nutzen.

Bei Patienten mit Hypoxie ist die Gabe von Sauerstoff nach allgemeiner Auffassung klar indiziert. Zweifel sind aber aufgekommen, ob die inzwischen weit verbreitet Praxis der routinemäßigen Anwendung von Sauerstoff auch bei Normoxie zum Nutzen der Infarktpatienten ist.

Theoretisch sind auch Mechanismen für eine schädigende Wirkung denkbar. So könnte Hyperoxie unter anderem die koronare Vasokonstriktion verstärken und die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies stimulieren.

Eine Forschergruppe um Dr. Dion Stub aus Melbourne ist der Sache deshalb in einer AVOID (Air Versus Oxygen in Myocardial Infarction) benannten randomisierten kontrollierten Studie auf den Grund gegangen. Stub hat die Ergebnisse beim AHA-Kongress 2014 in Chicago vorgestellt.

Fokus auf STEMI-Patienten

In die Studie aufgenommen wurden 638 Patienten mit akutem Myokardinfarkt, der schon auf dem Weg in eines von neun PCI-Zentren im australischen Melbourne randomisiert entweder eine Sauerstoff-Supplementierung via Gesichtsmaske oder keine Sauerstoffzufuhr (bei Normoxie) erhielten.

Bei 441 Patienten stellte sich das Akutereignis dann als ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) herausstellte. Bei allen STEMI-Patienten wurde in der Folge das Ausmaß der Herzmuskelschädigung anhand von regelmäßigen Messungen kardialer Biomarker wie Troponin I ermittelt. Nach sechs Monaten wurden alle klinischen Ereignisse erfasst und die Infarktgröße mittels kardialer MRT bestimmt.

Die Sauerstoff-Gabe blieb ohne positiven Effekt. Wie Stub berichtete, spiegelte sich in den Messungen der Herzenzyme in der Gruppe mit Sauerstoff-Zufuhr sogar ein größeres Ausmaß an Myokardschädigung wider als in der Kontrollgruppe.

In puncto Infarktgröße (primärer Endpunkt) stand die Sauerstoff-Gruppe signifikant schlechter da als die Kontrollgruppe. Dies bestätigte sich auch bei der kardialen MR-Untersuchung nach sechs Monaten.

Tendenziell mehr kardiovaskuläre Ereignisse

Zudem war in der Gruppe mit Sauerstoff-Zufuhr die Rate kardiovaskulärer Ereignisse in den ersten sechs Monaten im Vergleich tendenziell höher (21,9 versus 15,5 Prozent, p=0,08). Allerdings ist die Studie aus statistischer Sicht zu klein, um Unterschiede hinsichtlich klinischer Ereignisse zuverlässig aufdecken zu können.

Die Zweifel daran, ob die Praxis der routinemäßigen Anwendung von Sauerstoff im Falle eines Herzinfarktes auch bei Normoxie wirklich von Vorteil ist, werden durch ihre Ergebnisse dennoch bestärkt.

In der europäischen STEMI-Leitlinien von 2012 wird diese Praxis dementsprechend auch nicht befürwortet. Sie empfehlen die Sauerstoffgabe nur bei Infarktpatienten mit Hypoxie, Kurzatmigkeit und akuter Herzinsuffizienz.

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