Ärzte Zeitung, 03.12.2015

Kardiovaskuläre Erkrankungen

Frühe Diagnose erspart Herzinfarkt und Co.

Nur ein Drittel aller Herzkreislaufpatienten wird erstmals durch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auffällig. Heutzutage gelingt es Ärzten immer häufiger, kardiovaskuläre Probleme schon vor einem Gefäßverschluss festzustellen, zeigt eine Analyse. Es ist aber immer noch Luft nach oben.

Von Thomas Müller

Frühe Diagnose erspart Herzinfarkt und Co.

Kardiologische Untersuchung mit Belastungs-EKG: Kardiovaskuläre Probleme werden meist schon vor einem Gefäßverschluss festgestellt. Sven Bähren/fotolia.com

LONDON. Die Primärprävention in der Herzkreislaufmedizin zielt vor allem darauf ab, Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu verhindern. Solche Erkrankungen, so berichten Forscher um Dr. Julie George vom University College in London, seien aber längst nicht mehr der Hauptgrund für eine kardiovaskuläre Erstdiagnose.

Heutzutage gelingt es Ärzten in der Regel, kardiovaskuläre Probleme meist schon vor einem Gefäßverschluss festzustellen. Herzinsuffizienz, Angina pectoris oder Aneurysmen sollten daher auch vermehrt bei der Primärprävention Beachtung finden, so die Autoren (Circulation. 2015; 132: 1320-1328).

Herzinfarkt eine Primärdiagnose

Ihre Schlussfolgerungen leiten die Gesundheitsforscher von einer Analyse ab, in der sie die kardiovaskulären Erstmanifestationen in der britischen Bevölkerung anhand von mehreren Registern unter die Lupe genommen haben. Sie konnten dabei auf Daten von rund zwei Millionen Briten im Alter von über 30 Jahren zurückgreifen, die von 1997 bis 2010 zunächst noch nicht kardiovaskulär erkrankt waren.

Nach im Schnitt sechs Jahren registrierten die Forscher bei knapp 115.000 (6 Prozent) von ihnen eine erste kardiovaskuläre Erkrankung. In 66 Prozent der Fälle war dies weder ein Herzinfarkt noch ein Schlaganfall.

Zwar war der nichttödliche Herzinfarkt mit knapp 18 Prozent bei Männern noch die häufigste Erstdiagnose, eine instabile Angina pectoris trat mit 15 Prozent aber schon fast ähnlich häufig auf, gefolgt von einer stabilen Angina (knapp 12 Prozent), einem ischämischen Schlaganfall (11 Prozent) sowie einer Herzinsuffizienz, einer nicht näher bestimmten KHK und einer PAVK (jeweils 10 Prozent).

Bei den Frauen rangierte der ischämische Schlaganfall an erster Stelle (16 Prozent aller Erstdiagnosen), gefolgt von Herzinsuffizienz (15 Prozent), instabiler Angina (rund 14 Prozent), TIA (12 Prozent), stabiler Angina (11 Prozent) sowie Herzinfarkt, nicht näher bestimmtem Schlaganfall und PAVK (jeweils 10 Prozent). Hirnblutungen, Aneurysmen und andere kardiovaskuläre Probleme wurden bei beiden Geschlechtern im einstelligen Bereich als Erstdiagnosen erfasst.

Altersabhängige Rangfolge

Diese Rangfolge ist jedoch stark altersabhängig: So war der nichttödliche Herzinfarkt am häufigsten bei jungen Männern die Erstdiagnose (bei 28 Prozent der unter 40-Jährigen).

Wurden hingegen Männer über 80 Jahre erstmals kardiovaskulär auffällig, dann nur noch zu 10 Prozent aufgrund eines Herzinfarktes. In diesem Alter war die Herzinsuffizienz die häufigste Primärdiagnose (25 Prozent), gefolgt von einem ischämischen Schlaganfall (19 Prozent).

Bei Frauen unter 40 Jahren dominierte die instabile Angina (19 Prozent), gefolgt vom ischämischen Schlaganfall (14 Prozent). Frauen über 80 Jahre mit einer kardiovaskulären Erstdiagnose hatten zu 26 Prozent eine Herzinsuffizienz und zu 25 Prozent einen ischämischen Schlaganfall.

Mit zunehmendem Alter nimmt nach diesen Daten bei beiden Geschlechtern die Bedeutung einer Herzinsuffizienz und eines ischämischen oder nicht genauer bestimmten Schlaganfalls zu, auch Bauchaortenaneurysmen treten mit dem Alter bei den Erstdiagnosen gehäuft auf. Dagegen nimmt die Bedeutung des Herzinfarkts vor allem bei den Männern ab.

Interessant sind auch weitere Geschlechterunterschiede: Bis zum Alter von etwa 70 Jahren erhalten Männer deutlich häufiger eine Erstdiagnose als Frauen, danach kehrt sich das Verhältnis um. Männer erwischt es also wesentlich früher als Frauen.

Männer erhalten auch insgesamt etwas häufiger als Frauen eine kardiovaskuläre Diagnose, dabei ist der Herzinfarkt rund 3,7-fach häufiger die Erstdiagnose, ein unangekündigter Herztod tritt sogar 4,3-fach häufiger als Erstmanifestation auf, dagegen werden Männer zu etwa 30 Prozent seltener aufgrund einer Subarachnoidalblutung erstmals auffällig.

Letztlich sollten Ärzte bei Männern also vor allem auf das Herz, bei Frauen auf das Gehirn aufpassen.

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