Ärzte Zeitung, 14.10.2015

Neue Leitlinien

So geht Wiederbelebung heute

Die neuen europäischen Leitlinien zur Wiederbelebung liegen jetzt auf Deutsch vor. Empfohlen werden darin bewährte Standards zur Reanimation - aber auch einige Neuerungen.

Neue Leitlinien sollen 10.000 Leben zusätzlich retten

Manuelle Reanimation ist genauso effektiv wie mechanische Reanimationshilfen.

© annems / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Zu mehr als 100.000 Todesfällen pro Jahr in Deutschland kommt es durch plötzlichen Herztod oder Kreislaufstillstand aufgrund einer anderen Ursache, berichtet der Deutsche Rat für Wiederbelebung (GRC) in einer Mitteilung.

Es handele sich somit um die dritthäufigste Todesursache nach bösartigen Neuerkrankungen und Herzkreislauferkrankungen anderer Genese. "Ein Zustand, der deutlich verbessert werden könnte", so Professor Bernd W. Böttiger, GRC-Vorsitzender und Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Universitätsklinik Köln.

Wichtige Impulse geben hier die neuen Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation des European Resuscitation Council (ERC).

Der GRC hat die Empfehlungen übersetzt und jetzt ins Internet gestellt. "Gemeinsam 10.000 Leben zusätzlich pro Jahr in Deutschland retten!", hat sich die Organisation dabei zum Ziel gesetzt.

Es werden nur zwei Hände benötigt

Mit den neuen Empfehlungen setzen die Experten auf die manuelle Reanimation. "Diese ist mindestens genauso effektiv wie mechanische Reanimationshilfen", erläutert Böttiger. In einigen Studien habe sich sogar ein schlechteres neurologisches Ergebnis bei Verwendung solcher Systeme gefunden.

Reanimationshilfen führten unvermeidlich zu einer Unterbrechung der Thoraxkompressionen, die so kurz wie möglich sein müssten. In den neuen Leitlinien werden daher solche Geräte nur in besonderen Situationen empfohlen, etwa bei Reanimationen während eines Transports, bei sehr langer Reanimation und im Herzkatheterlabor.

Zur Reanimation bei Kreislaufstillstand empfehlen die Experten eine Drucktiefe von ungefähr fünf und nicht mehr als sechs Zentimeter. Die Frequenz soll bei 100 bis 120 pro Minute liegen. "Pausen von über zehn Sekunden führen zu einer Verschlechterung der Prognose des Patienten und müssen daher vermieden werden", wird Dr. Burkhard Dirks, Altvorsitzender des GRC, in der Mitteilung zitiert.

Adrenalin wird weiterhin empfohlen. Experten sollen eine Intubation vornehmen - wenn möglich, ohne dabei die Herzdruckmassage zu unterbrechen. Als Alternativen gelten supraglottische Atemwegshilfen.

Die Kapnographie ist obligat. Innerklinisch sollten Notfallteams etabliert werden, die bei definierten Zuständen alarmiert werden und so einen Kreislaufstillstand verhindern können. Mögliche reversible Ursachen eines Kreislaufstilstandes müssen immer mit bedacht werden.

Optimal: Transport in ein Cardiac Arrest Center

Nach prähospitalem Kreislaufstillstand sind die Überlebenschancen höher, wenn die Patienten - im Einzelfall sogar unter laufender Reanimation - in spezielle Zentren (Cardiac Arrest Center) eingeliefert werden.

Diese haben durch eine höhere Fallzahl, mehr Erfahrung und die Möglichkeit zur akuten Koronarintervention. Mehr als jeder zweite Kreislaufstillstand ist die Folge eines Herzinfarkts. Werden die für den Infarkt ursächlichen Koronarien binnen maximal zwei Stunden dilatiert, verbessert dies deutlich die Prognose.

Die neuen Leitlinien enthalten auch eine Empfehlung für das Temperaturmanagement: Nach Kreislaufstillstand bewusstlose Patienten sollen unabhängig vom initialen Herzrhythmus für mindestens 24 Stunden auf 33 oder 36 Grad gekühlt werden.

Fieber müsse ebenso wie Hyperoxie jedem Fall für 72 Stunden vermieden werden. Eine Prognostizierung erscheint, so die Empfehlungen, frühestens nach 72 Stunden sinnvoll.

Ruf nach Telefonreanimation in Leitstellen

Leitstellendisponenten sollen Laien am Notruftelefon in Herzdruckmassage instruieren. "Das ist extrem effektiv - man muss es siebenmal machen, um ein Leben zusätzlich zu retten!", erklärt Professor Karl Heinrich Scholz vom St. Bernward-Krankenhaus in Hildesheim in der Mitteilung.

In Deutschland wird die Telefonreanimation von immer mehr Leitstellen durchgeführt, so der stellvertretende GRC-Vorsitzende. In Bayern ist sie bereits landesweit verpflichtend. Auch intelligente Gesamtsysteme, in denen Ersthelfer in der Nähe per Smartphone gleichzeitig mit dem Rettungsdienst alarmiert werden, können Vorteile bringen.

Die meisten Kreislaufstillstände passieren zu Hause. "Nach drei bis fünf Minuten fängt das Gehirn an zu sterben", so Scholz. Der Notarzt trifft aber meist erst nach acht bis zwölf Minuten ein. Der sofortige Beginn der Reanimation durch Laien kann daher entscheidend helfen.

Bei Erwachsenen reichen in den ersten Minuten alleinige Thoraxkompressionen meist völlig aus. Laien sollten verstärkt in Wiederbelebung ausgebildet werden, so die Empfehlungen der neuen Leitlinie. Dazu gehören die Herzdruckmassage und die Beatmung im Verhältnis 30 zu 2. Besonderer Wert wird auf die Ausbildung von Schülern gelegt.

Eine Doppelstunde pro Jahr ab der siebten Klasse sei ausreichend. Die Schüler können von speziell ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden. Entsprechende Empfehlungen werden von der Kultusministerkonferenz 2014 und seit diesem Jahr auch von der WHO unterstützt. Ein Ausbildungskonzept dazu gibt es vom GRC. (eb/eis)

[19.11.2015, 15:17:31]
Dr. Thomas Hausen 
Reanimation
Und der Laie fragt sich, was bedeutet, "Prüfen, Rufen, Drückrn? Ich wünsche mir Aufkleber in maximal Din a4 Format, die überwiegend über Abbildung und wenig Worte alles erklären und an möglichst vielen Stellen kleben (Bus, Bahn, etc) wer sich hier aufhält, muss oftmals Zeit überbrücken und beginnt sich nach Interessantem umzusehen, zu lesen. zum Beitrag »
[24.10.2015, 00:18:26]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Dr. Andreas Rahn, dass nicht jeder Laie oder ungeübte Arzt intubieren muss, ist doch wirklich selbstverständlich!
Woher soll er das auch können.
Das ist nun wirklich nichts neues. Ich habe nun sehr viele Notarzteinsätze gefahren und sage daher aus Erfahrung, dass mir der "Trend" auf Beatmung ganz zu verzichten zu weit geht.
Von Ihrer Thoraxmassagenmaschiene halte ich allerdings gar nichts. zum Beitrag »
[22.10.2015, 14:40:33]
Dr. Andreas Rahn 
Atemspende, Intubation, Reanimationsgeräte - Theorie und Praxis
Der Laie hat am meisten Probleme mit der "Atemspende" - also sollte man den Laien die Angst davor möglichst weitgehend nehmen und die Thoraxkompression in den Vordergrund stellen. Genau dahin gehen die Empfehlungen ja und somit in die richtige Richtung.
Der nicht geübte endotracheale Intubator sollte von dieser Maßnahme ebenfalls befreit werden, die supraglottischen Beatmungshilfen sind meistens ausreichend.
Die wissenschaftlich begründeten Empfehlungen sollten in klare Regeln gebracht werden, die kurz und verständlich sind.
Auf praktische Aspekte sollte neben den wissenschaftlichen Grundlagen aber auch geachtet werden: bei allem Pro für die manuelle Thoraxkompression - diese Maßnahme ist extrem anstrengend. 1 Helfer kann das 2 Minuten adäquat durchhalten, dann wird er zwangsläufig abbauen. Selbst für mehrere Personen, die sich abwechseln, ist das extrem anstrengend (Empfehlung: selber mal ausprobieren...). Für Reanimationsteams sehr segensreich erachte ich Reanimationsgeräte, die die Thoraxkompression den Menschen abnehmen können. Es sollte möglich sein, taugliche Apparate zu entwickeln, die ohne wesentliche Verzögerung zum Einsatz gebracht werden können. Dann kann man 30 - 45 - 60 Minuten und noch länger reanimieren und es gibt ja Studien, die zeigen, dass man damit die Erfolgsraten steigern kann. Ein Reanimationsteam ist doch nach spätestens 30 Minuten Reanimation fertig - und zwar körperlich. Die Beachtung dieser Realität vermisse ich in der "wissenschaftlichen" Diskussion. zum Beitrag »
[19.10.2015, 22:38:55]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wie geht das?
Wie schafft man nur diesen Goldstandard? "Goldstandart für den Fachmann ist und bleibt die intratracheale Intubation, so schwer ist das wirklich nicht." Ich persönlich beherrsche nur die atraumatischere ENDOTRACHEALE INTUBATION.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[18.10.2015, 09:13:12]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
eher ein "Handwerk" dass man schlicht üben muss, als eine "Wissenschaft" und eher nichts neues.
Der gleichzeitige Ruf nach "jedermann" und Spezialist ist deshalb natürlich ein krasser Widerspruch.
Allerdings halte ich den "Trend" auf Beatmung zu verzichten für falsch!
Der Goldstandart für den Fachmann ist und bleibt die intratracheale Intubation, so schwer ist das wirklich nicht.
Richtig ist, dass man es mit dem Sauerstoff nicht übertreiben soll, was eher die "Profi´s" betrifft. zum Beitrag »
[15.10.2015, 14:58:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
CPR (kardiopulmonale Reanimation) aktuell 2015
Die "REANIMATION 2015 - LEITLINIEN KOMPAKT" des Deutschen Rat für Wiederbelebung (GRC) in Zusammenarbeit mit dem European Resuscitation Council (ERC) sind mit 315 Seiten viel zu lang und völlig unübersichtlich:
file:///C:/Users/user/Downloads/Leitlinien%202015%20Kompakt.pdf

Allein die Autorenschaft erstreckt sich über 2 eng bedruckte Seiten. Nach Vorwort und Einleitung geht es weiter mit
12 Hauptkapiteln und
101 Themenkategorien
Dies scheint eher der wissenschaftlichen Profilierung und Selbstdarstellung geschuldet als einem alltagstauglichen Reanimation-Leitfaden für die Kittel- oder Jackentasche, der hoffentlich noch folgt.

Ein Problem bleibt ungelöst: Alles sollte unterlassen werden, was zu einer Unterbrechung der Thoraxkompressionen führt. Diese Pausen sollen so kurz wie möglich sein. Zugleich wird empfohlen, die Herzdruckmassage und die Beatmung im Verhältnis 30 zu 2 auszuüben. "Pausen von über zehn Sekunden führen zu einer Verschlechterung der Prognose des Patienten und müssen daher vermieden werden".

Wie soll das in einer 1-Helfer-Situation (oder auch 2-Helfer-Situation) funktionieren, wenn gleichzeitig ein Notruf abgesetzt, Eigensicherung betrieben und der 2. Helfer zur Beatmung erst herbeigeholt werden müssen?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
(letzter CPR-Reanimationskurs unter Praxisbedingungen, Intubationsübungen und Rollenspielen mit Surrogat-Patienten 5/9/2015)
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