Ärzte Zeitung, 23.12.2008

Per Schalter in die Praxis: Visite über Funk und Computer

Bei chronisch kranken Menschen kann eine höhere Versorgungsqualität durch engere Überwachung erreicht werden. Im Alltag klappt das letztlich nur per Telemedizin.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Viele Messwerte bei Patienten lassen sich heute auf elektronischem Weg kontrollieren, ohne dass der Kranke eine Praxis aufsuchen muss. Grafik: Vitaphone / ÄZ

Lange Zeit hatte Telemedizin den Ruf einer techniklastigen Spielerei, die nur dann funktioniert, wenn die Ärzte der Methode sehr zugeneigt und die Patienten sehr zuverlässig sind. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Mittlerweile sind viele Patientengeräte so ausgereift, dass Bedienungsfehler kaum mehr möglich sind. Und auch die Einbindung der Telemedizin in den medizinischen Alltag funktioniert zunehmend reibungslos. Das Paradebeispiel dafür ist die telemedizinische Nachsorge von implantierbaren Defibrillatoren und Herzschrittmachern.

Besuch beim Arzt nur bei schlechten Messwerten

Der Patient muss nicht mehr alle Vierteljahr den Weg zum Rhythmologen antreten, um sein Implantat überprüfen zu lassen. Stattdessen sendet das Gerät seine Funktionsparameter per Internet oder Mobiltelefon an eine zentrale Akte. Stimmt etwas nicht, erhält der Patient einen Termin beim Arzt, sonst nicht.

Das deutsche Unternehmen Biotronik hat bereits im Jahr 2001 die ersten telemedizintauglichen Implantate vorgestellt und eingeführt. Mit dem Einstieg der beiden Schwergewichte Medtronic und St. Jude sind in den vergangenen zwei Jahren weitere wesentliche Unternehmen dazu gekommen. In Zukunft dürfte wohl kaum noch ein neuer ICD oder Schrittmacher ohne eine entsprechende Telemedizinfunktion verkauft werden.

Das Schöne an dieser Technik ist, dass alle profitieren: Der Patient erspart sich unnötige Arztbesuche und ist trotzdem besser überwacht, weil die Funktionsdaten des Implantats häufiger als bisher ausgelesen werden. Und der Arzt spart gehörig Zeit: "Wenn ich die Möglichkeiten der Fernabfrage nutze, kann ich zehn unauffällige Abfragen in 10 bis 15 Minuten machen. In der Sprechstunde brauche ich dafür anderthalb bis zwei Stunden", sagt etwa Dr. Claudius Hansen vom Klinikum Kassel. Weil der Nutzen so evident ist, hat sich das oft träge Abrechnungssystem in diesem einen Fall auch relativ schnell bewegt: Die Fernabfrage der Defibrillatoren ist mittlerweile über die übliche EBM-Nachsorgeziffer 13552 abrechenbar.

Andere telemedizinische Ansätze sind noch nicht ganz so weit, aber es geht auch dort eindeutig in diese Richtung. So hat die auch als "Schwester Agnes" bezeichnete Tele-Gesundheitsschwester der Universität Greifswald gezeigt, dass sie den Arzt bei Hausbesuchen entlasten kann und gleichzeitig die Qualität der Versorgung verbessert.

Beim Modell AGnES (arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte systemische Intervention) wird die notwendige Dokumentation elektronisch gemacht, und bei Bedarf kann sogar direkt eine Videoverbindung zum Arzt aufgebaut werden.

Noch laufen Verhandlungen für eine Abrechnungsziffer

Anfang 2008 wurde nun im Rahmen der Pflegereform die Delegationsfähigkeit ärztlicher Leistungen neu geregelt, was auch den Weg für eine Abrechnungsziffer für "Schwester Agnes" freiräumte. Damit könnten Ärzte in ländlichen Regionen in Zukunft die Tele-Gesundheitsschwester regulär abrechnen. "Könnten" lautet hier jedoch das entscheidende Wort, denn noch laufen die Detailverhandlungen zwischen Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen.

Klar in Richtung Regelversorgung geht es schließlich bei der telemedizinischen Paradedisziplin schlecht-hin, beim Telemonitoring von Patienten mit Herzinsuffizienz. Hier gibt es mittlerweile mehrere Dutzend Krankenkassen, die ihren Patienten entsprechende Angebote unterbreiten, oft im Rahmen von Verträgen zur Integrierten Versorgung. Wenn es gut gemacht wird, gehen beim Herzinsuffizienz-Telemonitoring die Verbesserung der Versorgungsqualität und Kosteneffizienz Hand in Hand. Viele Daten geliefert hat hier der Düsseldorfer Telemedizinanbieter PHTS, der mit seinem Programm Zertiva in Deutschland Marktführer ist. Die neueste Auswertung ist erst einige Wochen alt und stammt aus Jena. Sie bezieht sich auf den Zeitraum eines Jahres. Demnach war der Anteil von Patienten mit Klinikeinweisung bei telemedizinischer Überwachung um 43 Prozent niedriger, und der einzelne Klinikaufenthalt war im Mittel um ein Viertel kürzer als bei einer Vergleichsgruppe.

Finanzieller Nutzen durch weniger Krankenhaustage

Die Taunus-BKK hat das - wie auch andere Krankenkassen - in Euro und Cent umgerechnet. Demnach reduziert das Telemonitoring die Krankenhauskosten pro Kopf um 77 Prozent. Kritiker wenden zwar ein, dass dies "nur" Einjahresdaten sind und dass unklar sei, ob der finanzielle Nutzen auch bei längeren Beobachtungszeiträumen anhalte.

Allerdings stimmen die Erfahrungen, die beim Zertiva-Programm gesammelt wurden, auch mit internationalen Erfahrungen überein. Und selbst wenn sich der finanzielle Nutzen über die Jahre etwas nivellieren sollte, bleibt die geringere Quote an Klinikeinweisungen und die damit gewonnene Lebensqualität ohne Einschränkung auf der Habenseite stehen.

CorBene

Corbene ist eines von mehreren Projekten zum Telemonitoring von Patienten mit Herzinsuffizienz. Es wird von mehreren Betriebskrankenkassen angeboten. Je nach individuellen Bedürfnissen erhalten die Patienten eine Waage und/oder EKG- und Blutdruckmessgeräte, die in der Lage sind, Messwerte telemedizinisch per Handy zu übertragen. Die Daten laufen im telemedizinischen Service-Center des Unternehmens Vitaphone zusammen, über das sie den behandelnden Ärzten zugänglich gemacht werden. Für Patienten hat das zwei Vorteile: Sie behalten den vertrauten Arzt als primären Bezugspunkt, haben aber mit dem telemedizinischen Servicecenter einen zusätzlichen Ansprechpartner, wenn der eigene Arzt gerade nicht zur Verfügung steht. In einer ersten wissenschaftlichen Auswertung zeigte sich, dass achtzig Prozent der Patienten innerhalb des Corbene-Programms leitliniengerecht behandelt werden. (gvg)

www.corbene.de

Diabetiva

Diabetiva ist ein Telemedizinprogramm des Düsseldorfer Telemedizinanbieters PHTS, das sich an schwer einstellbare Typ-2-Diabetiker und Diabetiker mit Komplikationen (etwa diabetisches Fußsyndrom) richtet. Die Patienten erhalten Geräte für die telemedizinische Blutzuckermessung. Die Betreuung erfolgt über das Callcenter von PHTS. Der behandelnde Arzt ist in die Fernüberwachung ebenfalls eingebunden. Die Taunus BKK, die mit PHTS beim Diabetiva-Projekt zusammenarbeitet, hat kürzlich erste Daten einer Kohorte von 600 Patienten vorgestellt. Demnach liegt die Quote der Klinikeinweisungen bei Fernbetreuung um ein Fünftel niedriger als in der Kontrollgruppe. Für die Krankenkasse rechnet sich das finanziell: Mehrausgaben bei Arzneimitteln und Teststreifen in Höhe von 393 Euro pro Halbjahr standen Einsparungen bei den Klinikaufenthalten in Höhe von im Mittel 2273 Euro gegenüber. (gvg)

www.phts.de

Partnership for the Heart

Wie Corbene ist PFH ein Programm für die telemedizinische Überwachung bei Herzinsuffizienz. Es wird unter anderen von der Barmer Ersatzkasse im Raum Berlin und im Raum Stuttgart angeboten. Die telemedizinische Betreuung erfolgt über das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité Berlin sowie über das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Im PFH-Programm wird das Telemonitoring bei 570 Herzinsuffizienz-Patienten seit Anfang 2008 im Rahmen einer kontrollierten klinischen Studie überprüft, die von Bundeswirtschaftsministerium und Industrie mit 12 Millionen Euro unterstützt wird. Unter anderen werden Gewicht, Blutdruck und EKG überwacht. Zum Teil wurden ganz neue Sensoren entwickelt. Erste Ergebnisse werden 2009 erwartet. Ziel des PFH-Programms ist die Etablierung einer Abrechnungsziffer Telemedizin für die Indikation Herzinsuffizienz. (gvg)

www.partnership-for-the-heart.de

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