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Ärzte Zeitung, 08.10.2009

Hintergrund

Organe von Herztoten werden transplantiert - aber ohne Konsens über das Vorgehen

Von Nicola Siegmund-Schultze

Wann ist ein Mensch nach Herzstillstand wirklich tot? Wann ist er hirntot - sodass ihm Organe entnommen werden dürfen? Diese Frage ist zuletzt international immer intensiver diskutiert worden.

Non-Heart-Beating-Donors (NHBD) sind Organspender, bei denen der Hirntod kurz nach Herzkreislaufstillstand sekundär erwartet, aber nicht nachgewiesen wird. "Es gibt für die Organexplantation von NHBD in den USA klare Regeln, und wenn diese von unseren Ärzten und in anderen Ländern konsequent angewandt würden, ließe sich die Zahl der Organspender deutlich erhöhen", sagte Professor Howard Nathan aus Philadelphia, Präsident der International Society of Organ Donation and Procurement beim Internationalen Organspendekongress in Berlin.

Es werden Diskussionen geführt über Minuten

Aber so einfach scheint sich ein Konsens nicht herstellen zu lassen, es werden Diskussionen geführt über Minuten, auch in den USA. Bis vor zwei Jahren war die Akzeptanz der Organentnahme von NHBD in den USA so schlecht, dass Krankenhäuser, denen grundsätzlich die Ressourcen für die Rekrutierung von NHBD zur Verfügung stehen, verpflichtet wurden, diese Form der Organspende entweder anzuwenden oder aktiv zu widersprechen und die Gründe für ihren Widerspruch darzulegen (NEJM 357, 2007, 209).

Jetzt werden in den USA Spender, bei denen eine Zustimmung für eine Organentnahme nach Herzkreislaufstillstand vorliegt, zum Teil nach fünf, zum Teil schon zwei Minuten nach Herzkreislaufstillstand für tot erklärt. Der Hirntod, auch in den USA Voraussetzung für die Explantation, ist zwei Minuten nach Asystolie empirischen Untersuchungen zu Folge eingetreten, ohne dass es eines Nachweises bedürfe, lautet die Begründung für das Vorgehen.

"Der Tod darf nicht durch Organentnahme verursacht werden, ansonsten ist das Prozedere akzeptabel", sagte Professor Francis Delmonico von der Harvard Medical School in Boston im US-Staat Massachusetts. Die Zahl der Organspenden hat sich in den USA durch NHBD erhöht.

Auch in vielen europäischen Ländern werden Organe von Herztoten verwendet, zum Beispiel in Spanien, Italien, der Schweiz und Frankreich, im Eurotransplant-Bereich in den Benelux-Staaten und in Österreich. Aber es scheint Unsicherheiten zu geben, auch bei den Ärzten. "Das Vorgehen ist uneinheitlich", bestätigt Dr. Axel Rahmel von Eurotransplant (ET). "Die so genannte "no-touch-Phase" - also die Zeit zwischen dem letzten Herzschlag und dem Beginn der Perfusion des Organspenders mit einer konservierenden Lösung und der Gabe von Medikamenten - schwankt in den europäischen Ländern zwischen 2 und 20 Minuten." Auch die Methoden, den Herzkreislaufstillstand festzustellen, differierten, ebenso die Auffassung darüber, welche der nach den Maastricht-Kriterien kategorisierten Spender überhaupt in Frage kämen. Nathan mahnte deshalb eine internationale Harmonisierung des Vorgehens an.

In Deutschland ist die Organexplantation von NHBD verboten. Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer (BÄK) gilt der irreversible Ausfall der gesamten Hirnfunktion als sicheres Todeszeichen, ohne diese Diagnose müssen mindestens drei Stunden bis zur Organentnahme vergangen sein. Zuletzt sind die Richtlinien beim Deutschen Ärztetag in Münster 2007 bestätigt worden. Organe von NHBD aus anderen Ländern dürfen in Deutschland nicht verwendet werden, ebenso wenig solche von Spendern nach ärztlich assistiertem Suizid, wie dies etwa im ET-Land Belgien erlaubt ist.

Zweifel, ob ein irreversibler Herzkreislaufstillstand mit unumkehrbarem Ausfall der gesamten Hirnfunktion wenige Minuten nach Asystolie sicher eingetreten ist, hatten zuletzt Herztransplantationen in den USA angeheizt. In Denver im US-Staat Colorado waren drei schwerstkranken Säuglingen 1,25 bis 3 Minuten nach Asystolie die Herzen entnommen und Kindern mit Herzfehlern eingepflanzt worden. Alle Herzen funktionierten (NEJM 359, 2008, 749).

Selbst der Papst mahnt zu präzisen Definitionen

Selbst der Papst mahnte im vergangenen Jahr die Wissenschaftler zu präziseren Beschreibungen des Todeszeitpunkts bei NHBD. "Es darf für den Arzt nicht den geringsten Zweifel geben, dass ein Spender tot ist, bevor mit der Organentnahme begonnen wird", sagte Professor Eckhard Nagel aus Bayreuth. In Deutschland stehe ein Prozedere, bei dem es Unsicherheiten geben könne, nicht zur Debatte, sie könne auch die Öffentlichkeit verunsichern. Professor Günter Kirste von der Deutschen Stiftung Organtransplantation würde sich wünschen, dass die international geführte wissenschaftliche Diskussion über das Thema auch von der BÄK zum Beispiel aufgegriffen würde.

Derzeit überwiegt Skepsis gegenüber einer Organentnahme von NHBD, wie ein aktueller Bericht der Bundesregierung zum Stand der Organtransplantation deutlich macht (Bundestagsdrucksache 16/13740). Die nationale Autonomie könnte in dieser Beziehung auch nicht durch EU-Recht eingeschränkt werden, so der Abgeordnete des Europaparlaments Dr. Peter Liese (CDU). "Vorgaben, die dies versuchen würden, wären zum Scheitern verurteilt."

Non-Heart-Beating-Donors (NHBD)

NHBD sind Organspender mit einem akuten Herzkreislaufstillstand, bei denen der Tod sekundär erwartet, aber nicht festgestellt wird. Eine Organentnahme ist bei einer warmen Ischämiezeit bis zu 30 Minuten möglich. International werden die Maastricht-Kriterien aus dem Jahre 1995 für die Klassifikationen für NHBD angewandt: Herzstillstand bei Ankunft in der Klinik (Kategorie I) oder nach erfolgloser Reanimation (Kategorie II, Erfolglosigkeit ist international nicht einheitlich definiert), Spender, bei denen der Herzstillstand nach Unterbrechung lebenserhaltender Maßnahmen erwartet wird (Kategorie III), Herzstillstand bei Hirn-Stamm-Tod (Kategorie IV), Herzstillstand bei einem stationären Patienten (V). (nsi)

Lesen Sie dazu auch:
Spenderorgane sind weiter Mangelware

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