Ärzte Zeitung, 21.10.2010

Neue Wege bei Herzinsuffizienz durch Genabschaltung

Der therapeutische Zugriff auf regulatorische microRNA könnte die Therapie bei Herzkreislauf-Krankheiten künftig verändern.

WÜRZBURG (ner). Neue Konzepte aus der Grundlagenforschung werden künftig wahrscheinlich manche konventionelle Therapiepraktiken, etwa bei Herzinsuffizienz oder Myokardinfarkt, grundlegend ändern. Ein Beispiel ist der therapeutische Zugriff auf regulatorische microRNA. Bei microRNAs handelt es sich um kleine, nicht-kodierende Nukleotide, die die Gene regulieren. Bislang sind etwa 800 verschiedene microRNAs bekannt. Sie werden im Zellkern gebildet, ausgeschleust und binden schließlich an Messenger-RNA (mRNA) und können so Gene "ausschalten", erklärte Professor Thomas Thum aus Hannover beim Dreiländertreffen Herzinsuffizienz in Würzburg.

"Das besondere ist, dass diese microRNAs dies nicht nur bei einem einzelnen Gen machen, sondern ganze Gen-Netzwerke, die oft funktionell in einem Zusammenhang stehen, regulieren können", so der Direktor des Instituts für Molekulare und Translationale Therapiestrategien an der MHH. Damit seien diese Moleküle attraktive Kandidaten für therapeutische Entwicklungen, sei es bei Herzkreislauf-, bei Tumor- oder anderen Erkrankungen.

So ist festgestellt worden, dass die microRNA "miR21" in die zunehmende Fibrosierung bei Herzinsuffizienz einbezogen ist. miR21 ist bei diesen Patienten stark hochreguliert. Thum und seine Kollegen konnten aufklären, wie das Molekül im Detail das Herz-Remodelling bewerkstelligt.

Es ist ihnen zudem gelungen, einen Antagonisten gegen miR21 zu entwickeln, der gut von den Herzmuskelzellen aufgenommen wird. Bei Mäusen war es damit möglich, diese microRNA spezifisch im Herzen zu blockieren und damit die Herzfibrosierung abzuschwächen oder auszuschalten.

Ein ähnlicher Erfolg gelang den Wissenschaftlern im Myokardinfarkt-Modell. Die überschießende Fibrosierung wurde verhindert. Allerdings durfte nicht zu früh behandelt werden, da ansonsten auch die "gute" Fibrosierung nach dem Infarkt unterbunden wurde, was bei den Tieren zu Ventrikelrupturen führte.

Eine andere microRNA ist "miR24". Sie wird nach einem Myokardinfarkt spezifisch in den Gefäßendothelien hochreguliert und stört lokal die Gefäßbildung. Die Überexpression von miR24 induziert die Zellapoptose. Schaltet man miR24 ab, findet keine Apoptose statt.

Es sei denkbar, dass man mit lokalen Applikationsmethoden wie beispielsweise katheterbasierten Verfahren lokale Effekte mit Anti-microRNA-Molekülen erzielen könnte, sagte Thum. Zwar gebe es bislang keine klinischen Studien bei Herzkreislauf-Erkrankungen, bei Tumorpatienten und Hepatitis-Patienten liefen allerdings bereits Phase-I-Studien um regulatorische RNA-Moleküle zu beeinflussen.

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