Ärzte Zeitung, 23.03.2015

Vorhofflimmern

Abnehmen heilt jeden zweiten Patienten

Viele übergewichtige Patienten mit Vorhofflimmern können offenbar durch Abspecken ihre Herzrhythmus-Störungen beseitigen. Doch sie müssen langfristig einen bestimmten Prozentsatz an Gewicht verlieren, zeigt eine neue Studie.

Von Dirk Einecke

Abnehmen heilt jeden zweiten Patienten

Das Herz ist wieder im Takt - nach dem Abnehmen.

© Yeko Photo Studio / fotolia.com

SAN DIEGO. Die Behandlung der Adipositas wird zu einem attraktiven Ziel der kardiovaskulären Prävention. Kürzlich konnte gezeigt werden, dass aggressives Gewichtsmanagement die Sinus-Rhythmus-Raten nach Ablation von Vorhofflimmern (VHF) erhöht.

Nun stellt sich die Frage: Kann langfristiges Abspecken bei Übergewicht den Krankheitsverlauf bei intermittierendem oder persistierendem VHF positiv beeinflussen? Und gibt es hierfür einen "Schwellenwert"?

Der Frage nachgegangen ist ein Autorenteam um Dr. Rajeev K. Pathak von der Universität in Adelaide, Australien (JACC 2015; online 15. März).

Es führte die Studie LEGACY mit 1415 konsekutiven Patienten durch, die sich mit nicht-permanentem VHF präsentierten. Die Ergebnisse wurden kürzlich auf dem Kongress des American College of Cardiology (ACC ) in San Diego vorgestellt.

355 Patienten mit einem BMI über 27 (im Schnitt 33) wurden - zusätzlich zur üblichen Therapie gegen VHF - zwischen Gewichtsmanagement und keinem Gewichtsmanagement randomisiert.

Die Patienten der Gewichtsreduktionsgruppe wurden langfristig und engmaschig betreut, führten Tagebücher über Diät und körperliche Betätigung, wurden dreimal pro Monat zum Weitermachen motiviert und jährlich gründlich beim Arzt untersucht, einschließlich eines Sieben-Tage-Langzeit-EKGs.

Größere Gewichtsfluktuationen sind zu vermeiden

Die Forscher wollten herausfinden, ob es einen Dosis-abhängigen Effekt der Gewichtsreduktion auf die Häufigkeit von VHF gibt und welche Rolle Gewichtsschwankungen spielen.

In etwa je ein Drittel der Patienten verlor über zehn Prozent ihres Körpergewichts, zwischen drei und zehn Prozent des Körpergewichts, sowie weniger als drei Prozent des Körpergewichts.

Die Chancen auf einen nachhaltigen Gewichtsverlust waren größer, wenn die Behandlung der Patienten in einer auf Adipositas spezialisierten Klinik erfolgte. Patienten, die über zehn Prozent Gewicht verloren, verbesserten signifikant Blutdruck, Glukosestoffwechsel und Lipidwerte.

Dies war auch in der Gruppe mit moderatem Gewichtsverlust der Fall, aber weniger ausgeprägt. Gleichzeitig verbesserte sich das allgemeine Wohlbefinden umso deutlicher, je mehr Gewicht die Patienten verloren.

Die gleiche Dosis-Wirkbeziehung zeigte sich beim VHF: Nach etwa fünf Jahren waren nur 13 Prozent der Patienten in der Kontrollgruppe frei von VHF. In der Gruppe mit moderatem Gewichtsverlust waren dies 22 Prozent, in der Gruppe mit einem Gewichtsverlust über zehn Prozent aber 46 Prozent.

Somit erwies sich der nachhaltige Gewichtsverlust als besonders effektives Antiarrhythmikum bei VHF. Am wirkungsvollsten war es, wenn die Patienten linear abnahmen.

Abnehmen mit intermittierendem Jojo-Effekt und Gewichtsschwankungen von über fünf Prozent des Körpergewichtes schwächten den antiarrhythmischen Effekt deutlich ab, resümierte Pathak.

[23.03.2015, 13:54:51]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Dass Abnehmen jeden zweiten Patienten mit Vorhofflimmern "heilen" kann,
sollte nach dieser Studie nicht so einfach stehen bleiben. Denn hier handelt es sich n i c h t um eine prospektiv randomisierte Interventionsstudie, sondern um eine klassische "Follow-up"-Studie im retrospektiven "wait and see"-Design.

In die LEGACY-Studie wurden von 1.415 konsekutiven Patienten mit Vorhofflimmern (VHF) nur 355 Patienten mit einem BMI über 27 (BMI-Mittelwert 33) eingeschleust. Das ist ein hoher "drop-out" von 75 Prozent mit erheblicher Vorselektion der Studienpopulation.

Weiterer Kritikpunkt: Trotz intensiver Recherchen macht die Publikation von Dr. Rajeev K. Pathak, Universität Adelaide/AUS, keinerlei Angaben, wie l a n g e denn die Langzeit-Effekte Ziel-gerichteten Gewichts-Managements bei Vorhofflimmern bei den Patientinnen und Patienten interventionell ausgeübt wurden und eingewirkt hatten? ["Long-Term Effect of Goal Directed Weight Management in an Atrial Fibrillation Cohort: A Long-term Follow-Up StudY (LEGACY Study)"]

Gewichts-Trends und -Veränderungen seien durch jährlichen Follow-up bestimmt worden, heißt es blumig verklausuliert: Aber über welchen Zeitraum von Jahren, von wann bis wann bei den einzelnen Probanden und ihren Kontroll-Interventionsgruppen, in welchem Bereich von Jahren? Darüber schweigen sich die Autoren aus ["Weight trend/fluctuation was determined by yearly follow-up. We determined the impact on AF severity scale and 7-day ambulatory monitoring"]. "Wir bestimmten das Ausmaß des Vorhofflimmerns (VHF) mit einer Schwere-Skala und einem ambulanten 7-Tage-Monitoring", heißt es relativ naiv: Doch was war mit den 75 Prozent derjenigen mit VHF, die gar nicht erst in die Studie eingeschleust wurden? Warum wurden diese nicht über einen definierten Zeitraum als Vergleichsgruppe ohne Gewichtsreduktions-Intervention mit einbezogen?

Nicht nur diese Fragen lassen die Studie unseriös und von unangemessenen Schlussfolgerungen begleitet erscheinen. Von einer "Heilung" des Vorhofflimmerns waren jedenfalls weit über 75 Prozent der konsekutiven VHF-Patienten zweifellos noch meilenweit entfernt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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