Ärzte Zeitung App, 06.12.2013

Leitartikel

PAVK wird zum globalen Problem

Nicht übertragbare chronische Krankheiten sind weltweit führend in den Erkrankungs- und Sterbestatistiken. Eine von ihnen, die periphere arterielle Verschlusskrankheit, hat inzwischen pandemische Ausmaße angenommen.

Von Robert Bublak

PAVK wird zum globalen Problem

Schmerzen im Bein beim Gehen - und vielleicht sogar in Ruhe: Steckt eine PAVK dahinter?

© Niehoff / imago

Untersuchungen zur globalen Krankheitslast, die im vergangenen Jahr erschienen sind (etwa: Lancet 2012; 380: 2095), haben einen klaren Trend weg von infektiösen und hin zu nicht ansteckenden Erkrankungen gezeigt.

Weltweit betrachtet sterben mittlerweile zwei von drei Menschen an einem solchen Leiden. Das gilt ebenso für die ärmeren wie für die reichen Länder. Eine Ausnahme bilden dabei nur die afrikanischen Länder südlich der Sahara.

Ganz vorne auf der Liste der nicht ansteckenden Krankheiten stehen ischämische Herzerkrankungen und zerebrale Insulte. Über die Verbreitung eines anderen gefäßbedingten Leidens war bisher wenig bekannt.

Dabei ist die periphere arterielle Verschlusskrankheit der Beine (PAVK) nach den beiden genannten immerhin die dritthäufigste Ursache atherosklerotisch bedingter Morbidität.

34 Studien wurden systematisch analysiert

Umfangreiche Berechnungen zur PAVK hat nun ein internationales Team von Präventionsmedizinern im Fachjournal "Lancet" publiziert (Lancet 2013; 382: 1329). Hiernach ist die Prävalenz der PAVK global gesehen in den Jahren zwischen 2000 und 2010 um fast ein Viertel gestiegen.

Die Forscher hatten 34 Studien einer systematischen Analyse unterzogen. 22 davon stammten aus Ländern mit hohem Einkommensniveau (LHE) - darunter auch Deutschland - , zwölf befassten sich mit der Situation in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Durchschnittseinkommen (LNME).

Der Definition der Weltbank gemäß liegt die Grenze zu hohem Pro-Kopf-Einkommen bei jährlich 12.616 US-Dollar (circa 9300 Euro).

Bei den 85- bis 89jährigen Männern hat jeder fünfte eine PAVK

Das Kriterium für die Diagnose einer PAVK war ein Knöchel-Arm-Index kleiner/gleich 0,9. Davon ausgehend lag die Prävalenz in den LHE mit Blick auf die Altersgruppe von 45 bis 49 Jahren bei 5,3 Prozent (Frauen) und 5,4 Prozent (Männer). Wie nicht anders zu erwarten, stieg die Verbreitung der PAVK mit dem Lebensalter. Von den 85- bis 89-Jährigen waren 18,4 Prozent der Frauen und 18,8 Prozent der Männer betroffen.

In den LNME waren Männer weniger stark betroffen als in den LHE: Im Alter zwischen 45 und 49 Jahren waren hier 2,9 Prozent, zwischen 85 und 89 Jahren 14,9 Prozent an PAVK erkrankt.

Im Gegensatz zu den LHE, wo das Geschlechterverhältnis praktisch ausgeglichen war, litten in den LNME Frauen häufiger als Männer an peripher-arteriellen Verschlüssen: In der Gruppe der 45- bis 49-Jährigen betrug die Prävalenz 6,3 Prozent, in der Gruppe der 85- bis 89-Jährigen 15,2 Prozent.

Den vorliegenden Daten zufolge ist davon auszugehen, dass im Jahr 2010 weltweit 202 Millionen Menschen eine PAVK aufwiesen, 69,7 Prozent davon lebten in LNME. Während der vorangegangenen Dekade erhöhte sich die Prävalenz in den LHE um 13,1 Prozent und in den LNME um 28,7 Prozent. Nur zum Vergleich: 34 Millionen Menschen waren Ende 2011 mit dem HI-Virus infiziert.

Zahlen sind eher unter- als übertrieben

Es ist anzunehmen, dass die Zahlen zur PAVK eher noch untertrieben sind. Denn ein Knöchel-Arm-Index von 0,9 oder darunter mag hinreichen, die Diagnose einer PAVK zu stellen. Eine notwendige Bedingung ist ein solcher Wert nicht.

Die Autoren weisen denn auch darauf hin, dass 4 Prozent der Patienten mit einer PAVK einen Knöchel-Arm-Index von über 1,3 aufweisen.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zahl der PAVK-Patienten wahrscheinlich noch deutlich steigen wird.

Gegenmaßnahmen seien dringend nötig, schreiben sie. Dabei verweisen sie darauf, dass eine PAVK das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse - Herzinfarkt, Schlaganfall - sowie das Sterberisiko ungefähr verdreifacht.

An welche Gegenmaßnahmen zu denken wäre, liegt auf der Hand. Denn ob reiche oder ärmere Länder - die wesentlichen Risikofaktoren für die PAVK sind Rauchen, Diabetes, Hypertonie und Dyslipidämie.

2011 wurde ein 65 Punkte-Programm verabschiedet

Ein 65 Punkte umfassendes Programm dafür, wie nicht ansteckenden Krankheiten beizukommen wäre, liegt schon seit Längerem auf dem Tisch. Verabschiedet hat es die Generalversammlung der Vereinten Nationen bereits während einer Sitzung am 19. September 2011.

Darin anerkennen die Staatsoberhäupter, Regierungen und Repräsentanten der Mitgliedsstaaten, nicht ansteckende Erkrankungen seien eine der größten Herausforderungen im 21. Jahrhundert. Durch sie würden die Ziele der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung weltweit gefährdet.

Damit wäre das Wesentliche gesagt. Nun müsste noch gehandelt werden.

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