Ärzte Zeitung, 10.05.2004

Auch der hängende Mundwinkel ist ein Fall für 112!

Heute ist Tag des Schlaganfalls / Jeder Schlaganfall ist ein Notfall / Erfolg der Lyse hängt von schnellem Beginn ab

NEU-ISENBURG (sko). "Was ist denn mit deinem Gesicht?" Beim Samstagmorgen-Frühstück bemerkt Frau M. den hängenden Mundwinkel ihres Mannes. Als dieser seine Kaffeetasse greift, rutscht sie ihm aus der Hand und der Kaffee ergießt sich über den Küchentisch. Frau M. ist ein wenig beunruhigt: "Vielleicht solltes du am Montag mal zum Doktor gehen."

Doch Frau M. sollte jetzt sehr beunruhigt sein, und ihr Mann sollte nicht erst Montag zum Hausarzt gehen, sondern sofort ins Krankenhaus. Denn der hängende Mundwinkel kann Anzeichen für einen Schlaganfall und somit Grund genug sein, den Notarzt zu rufen - was viele Menschen jedoch nicht tun. Das hat zur Folge, daß in Deutschland vermutlich nur jeder vierte Schlaganfallpatient innerhalb von drei Stunden in die Notaufnahme eingeliefert wird.

Um diesem Mißstand zu begegnen, lautet das Motto des heutigen Tags gegen den Schlaganfall: "Schlaganfall ist ein Notfall = Notruf 112." Initiator des Aktionstags sind die Deutsche Schlaganfall-Hilfe, das Unternehmen Sanofi-Synthelabo und die Arbeitsgemeinschaft Berliner Stroke Units. Berliner Bürgern werden heute Aktionen, Prominenten-Interviews und Vorträge geboten, die sie für den Notfall Schlaganfall sensibilisieren sollen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, kostenlos das eigene Risikoprofil bestimmen zu lassen. Bundesweit bieten zudem die Schlaganfall-Büros und andere ehrenamtliche Helfer der Schlaganfall-Hilfe verschiedene Aktionen an.

Dabei geht es nicht nur um das Erkennen der Symptome eines Schlaganfalls, sondern auch um das richtige Verhalten bei diesen Anzeichen. Denn wie lange es dauert, bis ein Patient in der Klinik ankommt, hängt oft davon ab, wer zuerst benachrichtigt wird. "Wir versuchen den Menschen klar zu machen, daß sie den Notarzt alarmieren sollen", berichtet Dr. Christian Nolte von der Charité in Berlin.

Schnelle rt-PA-Therapie bringt Erfolg
Anteil der Schlaganfall-Patienten ohne neurologische Defizite nach 3 Monaten
Eine schnelle Lysetherapie reduziert das Risiko für neurologische Spätfolgen.

Der Schlaganfallspezialist hat in der BASS-Studie (Berlin Acute Stroke Study) die Situation in Berliner Krankenhäusern unter die Lupe genommen. Ein Ergebnis: Etwa 600 der 1094 Schlaganfallpatienten in Noltes Kohorte waren innerhalb von drei Stunden, dem traditionellen Lysefenster, in der Klinik. Anders im Rest des Landes: "Deutschlandweit kommt wahrscheinlich nur etwa jeder vierte Patient innerhalb dieser Zeit zur Aufnahme", schätzt der Vorsitzende der Deutschen Schlaganfallgesellschaft Professor Otto Busse vom Klinikum Minden.

Und warum ist es so wichtig, daß Schlaganfall-Patienten schnellst möglich in die Klinik transportiert werden? Weil beim Schlaganfall wie bei jedem Notfall die Prognose um so besser ist, je schneller mit der Behandlung begonnen wird. "Wir müssen frühzeitig die Patienten herausfiltern, die für eine Lyse in Frage kommen", meint dazu Professor Hans Christoph Diener von der Universität Essen.

Und die sollte optimaler Weise innerhalb von drei Stunden erfolgen. Denn dann überwiegt für den Patienten der Nutzen der Therapie im Vergleich zu dem Risiko von Blutungen. Es wird jedoch diskutiert, ob mit einer MRT Patienten herausgefiltert werden können, die auch nach drei Stunden von einer Lyse profitieren.

In einer vor kurzem im Lancet veröffentlichten Studie wurden die besten Behandlungserfolg mit einer Lyse im Vergleich zu Placebo in den ersten 90 Minuten erreicht (Lancet 363, 2004, 768). Nach viereinhalb Stunden hingegen gab es keinen signifikanten Unterschied mehr zu Placebo.

Doch nicht nur wegen der raschen Lysetherapie sollte es im Eiltempo in die Klinik gehen. Zwar stehen nach Angaben von Diener noch keine Präparate zur Neuroprotektion zur Verfügung. Jedoch gibt es Möglichkeiten, die Hirnschädigung nach einem Insult so gering wie möglich zu halten. Außer der Einstellung von Blutdruck und Blutzucker ist die Hypothermie, bei der die Körpertemperatur um ein bis zwei Grad Celsius herunter gekühlt wird, eine effektive Therapie-Option.

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