Ärzte Zeitung, 20.09.2006

Frühe Antibiose senkt Morbidität bei Schlaganfall

Ohne Prophylaxe bekommen dreimal mehr Patienten eine Pneumonie / Studie mit 80 Apoplexie-Patienten

BERLIN (gvg). Zu den therapeutischen Akutmaßnahmen bei Patienten mit Schlaganfall könnte sich in Zukunft eine Prophylaxe mit Antibiotika gesellen. Erste Studienergebnisse aus Berlin deuten darauf hin, daß eine solche Strategie die Sterberate senken könnte.

Hintergrund dieses auf den ersten Blick ungewöhnlichen Konzepts ist die Beobachtung einer Arbeitsgruppe um Privatdozent Andreas Meisel vom "Centrum für Schlaganfall-Forschung Berlin": Etwa 30 Prozent der Patienten, die die ersten 30 Tage nach einem Schlaganfall nicht überleben, sterben an einer Lungenentzündung, sagte Meisel beim "Charité Fortbildungsforum - Deutscher Ärztekongreß" in Berlin. Nach der bisherigen Lehrbuchmeinung hänge dies jedoch ausschließlich mit der erhöhten Rate von Aspirationen zusammen, so Meisel.

Dies wolle er nicht in Abrede stellen: "Das Hochlagern des Oberkörpers, das Anlegen einer Magensonde und die frühe Mobilisation sind bei Patienten mit Schlaganfall wichtige Maßnahmen um die Aspiration zu verhindern." Dazu komme aber eine offensichtlich schlaganfallspezifische Schwächung der Immunkompetenz, die bei anderen Patienten so nicht auftrete, berichtete Meisel.

Zusammen mit Kollegen konnte Meisel bei Mäusen nachweisen, daß sich nach einem akuten Verschluß der Arteria cerebri media innerhalb weniger Stunden eine Lymphopenie sowie eine Dysfunktion von Lymphozyten und Monozyten entwickelt. Werden Pneumokokken in die Lunge dieser Tiere gebracht, so bekommen sie häufiger eine Bakteriämie und eine Lungenentzündung als Kontrolltiere.

Mit der gerade abgeschlossenen PANTHERIS-Studie (Preventive ANtiinfective THERapie In Stroke) konnte das Team um Meisel ähnliche Effekte auf die Immunzellen auch bei 80 Patienten mit Schlaganfall nachweisen. Die Daten belegen außerdem, daß eine prophylaktische Behandlung mit 400 mg Moxifloxazin im Vergleich mit Placebo bei den Patienten in dieser Phase-II-Studie die Morbidität verringerte.

So bekamen etwa sieben Prozent der prophylaktisch behandelten Patienten bis zum elften Tag nach dem Schlaganfall eine Lungenentzündung. In der Placebogruppe waren es fast dreimal so viele. "55 Prozent der Patienten, die frühzeitig eine Lungenentzündung entwickelten, starben in den ersten sechs Monaten", so Meisel. Bei den Patienten, die keine Infektionen bekamen, waren es dagegen zwanzig Prozent. Dieser Unterschied erreichte das statistische Signifikanzniveau.

Ob die prophylaktische Antibiotikatherapie bei Schlaganfällen auch die Sterberate verringert und das Potential hat, zum Standard zu werden, soll eine Phase-III-Studie zeigen.

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